WR1010 Der Mauerfall

 

Vor 30 Jahren haben die DDR-BürgerInnen die Mauer zu Fall gebracht. Matthias und ich schwelgen ein wenig in Erinnerungen.

Die passende Ausgabe “Eine Stunde History” läuft am 4. November 2019 auf DLFnova.

 

23 Gedanken zu „WR1010 Der Mauerfall

  1. Robert

    Ich hatte vor ca. 15 Jahren einen Mitarbeiter aus den „neuen Bundesländern“ mit dem ich regelmäßig Streitgespräche zum Unrechtsstaat DDR führte. Als ich ihm zu guter letzt den Schießbefehl um die Ohren knallte kam genau das, was Matthias in der Sendung erzählte: „wieso? Die haben doch gewusst, dass man das nicht darf und geschossen wird! Die waren alle selber schuld,“
    Ich kam am Ende unsere Gespräche immer an einem Punkt, an dem ich einfach nicht mehr wusste was ich noch sagen soll…

    Antworten
    1. Knut

      Das ist auch nicht verwunderlich.
      Wenn man Ereignisse nur aus moralischen Gesichtspunkten und aus heutiger Sicht betrachtet kommt man früher oder später immer an den Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht.
      Natürlich war die Mauer scheisse und für viele Menschen eine Katastrophe, die Frage stellt sich nicht. Etwas mehr Differenzierung sollte aber schon sein.

      Der Bau der Mauer und ihre Sicherung war aus Sicht der DDR-Führung, wohl auch des ganzen Ostblocks, eine schlichte Notwendigkeit.
      Wer kann schon sagen, ob es die DDR ohne Mauer überhaupt so lange gegeben hätte. Wer kann schon sagen, ob die strikte Abgrenzung zwischen den beiden Blöcken nicht auch ein Grund war, warum wir alle heute noch leben und Europa, vielleicht die ganze Welt, keine atomare Wüste ist? Die Mauer hielt ja nicht nur die DDR-Bürger drin, sie hielt auch Saboteure und Provokateure draußen, die eher weniger an Frieden und Völkerverständigung interessiert waren, um es mal so vorsichtig auszudrücken.
      Es wusste in der Tat auch jeder DDR-Bürger, was ihm blühen kann, wenn er versucht, militärische Sperrgebiete zu betreten.
      Es ist ein Mythos, die Leute, die “in den Westen gemacht” sind, als Helden zu sehen, die unter Einsatz ihres Lebens “für die Freiheit” kämpften. Es ist naiv, anzunehmen, dass es Propaganda nur in der DDR gab.
      Es ist aber natürlich Unfug, wenn jemand die Schuld damit allein den Erschossenen zuschanzen will.

      Ich sehe bei solchen Diskussionen das Problem auf ganz anderer Seite:

      Der DDR-Bürger konnte nichts dafür, dass er in der DDR geboren und aufgewachsen ist. Wenn man sagt, die DDR war eine Diktatur, dann ist es einfach nur besonders dumm, den Menschen, die das Pech hatten, in einer Diktatur zu leben, ebendies vorzuwerfen.
      Und es ist ebenso dumm, die DDR auf Mauer, Schießbefehl, Stasi oder eingeschränkte Konsummöglichkeiten zu reduzieren.
      Was will man denn bitte damit erreichen, da gehts doch nicht um Geschichtsaufarbeitung.
      Da gehts wohl eher um die Demonstration moralischer Überlegenheit. Und das aus einem System heraus, dass schon von seiner Grundanlage her ohne die Ausbeutung und Unterdrückung anderer Menschen garnicht existieren kann und allein damit unzählige Menschen elend verrecken lässt? Da nennt die Krähe den Raben schwarz ..

      Ich bin da ganz bei Holgi: Wir reden viel zu viel darüber, wie der Karren in den Dreck kam, wie tief der Dreck war etc..
      Man darf das nicht vergessen, um die Fehler nicht zu wiederholen, ganz klar, aber die DDR wird in absehbarer Zeit nur noch eine blasse Erinnerung in dicken Büchern sein.
      Wir sollten unsere Energie viel mehr darauf verwenden, wie wir das Land, in dem wir jetzt und in Zukunft leben, besser machen können. Da haben wir imho Arbeit genug vor uns.

    2. Tarifkenner

      @Knut
      Ich würde schon sagen, dass eine Demokratie einer Diktatur grundsätzlich moralisch überlegen ist, Das schließt natürlich nicht aus, dass in einer Demokratie auch Unmoralisches geschehen kann.

    3. Knut

      In den Diskussionen West vs. Ost geht es meiner Erfahrung nach nur sehr selten um Demokratie vs. Diktatur.
      Fast ausschliesslich aber um die Frage Kapitalismus vs. Sozialismus. Da wird die Frage nach der Moral schon viel spannender, nicht wahr?
      Man sollte auch nicht vergessen, dass die Demonstranten ’89 primär die DDR besser machen wollten, die Frage der Wiedervereinigung stellte sich zunächst nicht, auch wenn es heute überwiegend so dargestellt wird.
      Wie wir heute wissen, kam das erst in Schwung, als vom Westen aus massiv in diese Richtung agiert wurde.

    1. Norbert

      Was in der Sendung auch angesprochen wird: Die real existierende Treuhand hatte nichts mit der Treuhand zu tun, die an den Runden Tischen entworfen wurde. Da ist eine existierende Marke gekapert und missbraucht worden.

  2. Devid

    >Wer kann schon sagen, ob es die DDR ohne Mauer überhaupt so lange gegeben hätte.
    Wenn ich die Statistik richtig im Kopf habe, sind in dem halben Jahr ’61 bis zum Mauerbau mehr Menschen geflohen als in vielen Jahren insgesamt zuvor. Wenn die Zahlen so geblieben wären, wäre die DDR wohl wirklich 1970 leer gewesen, bzw schon viel früher kaputt, weil wichtige Berufe fehlen, da es keine gleichverteilte Flucht ist…
    Aus der Sicht kann man den Mauerbau schon verstehen. Aber alles weitere nun nicht. Schiessbefehl schon gar nicht. Aber warum soll man solche “Diskussionen” überhaupt führen. Pro-Schiessbefehl waren wohl nur die engstirnigsten Kader der SED, wenn überhaupt so weit, daß es nicht einfach nur der Stasi überlassen wurde, und dann die “Not my department”-Gleichgültigkeit herrschte…

    Die persönlichen Rückblicke (Newsticker) waren schön erhellend. Hat Spaß gemacht, zuzuhören.

    Antworten
  3. Wolfgang

    Ich kann mich noch sehr gut an diese Tage erinnern.
    Ich war mir am 10. noch sicher, dass die DDR Führung das noch dreht und im Zweifelsfall auf die Menschen schießt. Die chinesische Lösung sozusagen.
    Auch für mich, als Wessi, war die DDR ungefähr so weit weg wie Afrika. Eher weiter. Ich war zwar mal 1987 einen halben Tag mit der Firma in Ost-Berlin, aber mehr wusste ich vom Osten nicht.
    Und am diesen einem Tag, war ich echt froh, als ich wieder in West-Berlin war.
    Diese DDr fand ich fürchterlich.
    Ich war auch lange gegen eine Wiedervereinigung. Mindestens bis Mitte 90.
    Dann hat mir mein damaliger Arbeitgeber, eine große Bank, (noch vor dem 3. OKT.) angeboten in Dresden eine Führungsposition zu übernehmen. Mit gerade mal 23 Jahren war ich Abteilungsleiter. Ursprünglich wollte ich maximal zwei Jahre in Dresden verbringen. Heute wohne ich imer noch in Dresden und ich liebe diese Stadt. Außer montags.
    Ich bin immer noch begeistert, wenn ich durch Dresden fahre, was diese Stadt alles zu bieten hat. Und ich bin froh, dass Kohl die Gunst der Stunde genutzt hat. Damals hab ich die Ossis nicht verstanden, warum die CDU wählen. Mir war klar, dass das mit blühenden Landschaften nicht so schnell wird. Politisch eher grün, habe ich Oskar Lafontaine geglaubt und der hat ja damals Schreckensszenarien, die größtenteils auch eingetroffen sind an die Wand gemalt.
    Kohl hat gelogen , dass sich die Balken boten. Im Nachhinein, war es wohl aber richtig. Ein halbes Jahr später, hätte man die Wiedervereinigung nicht mehr durchführen können. Da bin ich fest überzeugt von.

    Im Prinzip, wollte ich zu jedem Zeitpunkt, genau das Gegenteil von dem was geschah und bin heute froh, dass sich nicht meine Vorstellungen durchgesetzt haben.

    Antworten
    1. Norbert

      Ich war mir am 10. noch sicher, dass die DDR Führung das noch dreht und im Zweifelsfall auf die Menschen schießt. Die chinesische Lösung sozusagen.

      Ich glaube nicht, daß es in der DDR eine chinesische Lösung hätte geben können. Die Bilder vom Platz des himmlischen Friedens haben wir im Osten ja auch gesehen. Ich war damals bei der Armee, und mein Kompaniechef hat sogar noch ´ne Manöverkritik dazu gemacht. Als wir am 8. Oktober in Alarmbereitschaft versetzt wurden, war uns recht schnell klar worauf das hinauslaufen könnte, und daß wir auf keinen Fall auf die eigenen Leute schießen würden. Schon am 9. Oktober könnte es bei einer Einheit in Leipzig zur Befehlsverweigerung gekommen sein (jedenfalls liest sich Wikipedia so). Die DDR war einfach zu klein dafür und die Unzufriedenheit zu allgemein verbreitet. Mit Hilfe vom Großen Bruder war diesmal auch nicht ernsthaft zu rechnen. Die Gefahr war eher, daß sich die Situation so entwickelt, wie dann im Dezember in Rumänien (allerdings lag Rumänien komplett im Tal der Ahnungslosen, in der DDR waren das nur Dresden und ein paar benachbarte Orte).

      https://de.wikipedia.org/wiki/Montagsdemonstrationen_1989/1990_in_der_DDR#Leipzig,_9._Oktober_1989
      https://de.wikipedia.org/wiki/Rum%C3%A4nische_Revolution_1989

    2. Wolfgang

      Wie gesagt, hatte ich von der DDR nicht den blassesten Schimmer. Ich war mir so was von sicher, dass das kein gutes Ende nimmt. Heute weiß ich es natürlich besser. Ich wollte eigentlich damit nur ausdrücken, wie ich mit meiner Einschätzung völlig falsch lag. Übrigens nicht das letzte Mal in meinem Leben.

      Wie gesagt, war ich auch absolut gegen eine Wiedervereinigung. Heute bin ich sehr froh, dass nicht ich das zu entscheiden hatte. Ich hätte die falsche Entscheidung getroffen. Auch das war nicht das letzte Mal, dass ich über Entscheidungen, die gegen meine Überzeugung getroffen wurden, heute froh bin. Das ist im Großen so, wie ich im Privaten.
      Ich gehöre leider nicht zu denen, die alles im Vorneherein gewusst haben.
      Im Nachhinein sieht man vieles anders. Ich habe nie verstanden, wie man CDU und Kohl wählen konnte. Verstehe es eigentlich bis heute nicht. Aber eines muss man ihm zugute halten. Meiner Überzeugung nach gab es nur ein kleines Fenster, in dem die Wiedervereinigung umgesetzt werden konnte. Und Kohl hat dieses Fenster genutzt. Heute wird wohl kaum einer bestreiten, dass es für Deutschland ein Glücksfall war.
      Ich bin auch gegen den Natodoppelbeschluss auf die Straße gegangen und stand in Mutlangen als Teenager vor der US Kaserne. Die knapp 40 km mit meiner nagelneuen Hercules Rx9 zur Demo sind mir auch immer noch in sehr guter Erinnerung, weil die Karre unterwegs x-mal ausging.
      Heute wissen wir, dass der Natodoppelbeschluss mit dazu beigetragen hat, den Ostblock zu einer Öffnung zu bewegen.
      Funfact am Rande; Neben mir stand eine zeitlang Heinrich Böll. Mit dem konnte ich damals, als 16 Jähriger aber leider auch noch nichts anfangen, sonst hätte ich mir sicher ein Autogramm geben lassen.

    3. Norbert

      Wie gesagt: Innensicht gegen Außensicht. Andererseits konnten wir uns damals nicht sicher sein. Wir konnten nur hoffen, daß andere Soldaten in der gleichen Situation ähnliche Schlüsse ziehen würden. Und letztlich: Ein entsprechender Befehl ist uns nie gegeben worden. Ob das daran lag, daß wir unseren Vorgesetzten als zu unzuverlässig galten, oder daß niemand in der Befehlskette für eine chinesische Lösung verantwortlich sein wollte, kann ich nicht sagen.
      Zum Natodoppelbeschluss: Das Wettrüsten hat den Osten in den Ruin getrieben. Trotzdem war es richtig, dagegen zu sein.

    1. wolfgang

      Lieber Norbert,

      “Ich kann mich zumindest nicht erinnern, gefragt worden zu sein.”

      ich würde sagen, du wurdest gefragt. Mit der Volkskammerwahl vom 18. März 1990.

    2. Norbert

      Da ist was verrutscht…

      Ich sehe, wir haben ein grundlegend unterschiedliches Verständnis von Demokratie. 1990 gab es einen Auftrag zu Verhandlungen, aber keinen Blankoschein für die Ergebnisse derselben. Die Wiedervereinigung war eine Entscheidung von Verfassungsrang. Daher hatte der Vertrag dem Volk erklärt, und seine Zustimmung eingeholt werden müssen. Jeder darf sich seinen eigenen Reim darauf machen, warum das unterblieb.

    3. wolgang

      Jo, da ist mir was verrutscht, ich schreib trotzdem hier weiter

      “Daher hatte der Vertrag dem Volk erklärt, und seine Zustimmung eingeholt werden müssen”
      Von “müssen” kann glaub keine Rede sein.

      Vor allem was hätte das geändert? Hätte der Beitritt der ehemaligen DDR zum Bundesgebiet dann anders stattgefunden? Oder vielleicht gar nicht?
      Sicher hätte man manches besser machen können. Hinterher ist man immer schlauer.
      Im Großen und Ganzen ist es doch aber eigentlich super gelaufen.
      Deutschland ist wiedervereint und das Beitrittgebiet steht den alten Ländern in kaum noch etwas nach. Ja, es gibt abgehängte Regionen, die gibt es im Westen aber auch. Und wenn man sich ansieht, wie die Wirtschaft 1990 in der DDR aussah ist es eigentlich fast ein Wunder, was da inzwischen alles geschaffen wurde.
      Nach der Einführung der DM gab es wahrscheinlich keinen DDR Betrieb mehr, der wirklich konkurrenzfähig war. Da kann man sich die Frage stellen, ob es eine Alternative zur Einführung der DM gegeben hätte. Ich glaub nicht. Die DDR wäre wahrscheinlich schnellstens ausgeblutet. Man musste den DDR Bürgern ja auch einen Grund geben, nicht in die BRD umzusiedeln.
      Ich erinnere mich noch gut, wie Schäuble kurz vor dem Mauerfall DDR Bürger davor warnte, in den Weste zu kommen, weil die BRD eigentlich nicht mehr aufnahmefähig war. Das ging bei fehlendem Wohnraum schon los.
      Am Samstag kamen auf Tagesschau24 die Originalsendungen vom 9. November. Besonders beeindruckend fand ich einen Appell eines Leipziger Arzt der Kritik daran übte, dass Kollegen einfach abgehauen sind und inzwischen die Gesundheitsversorgung kaum mehr gewährleistet werden könne. Man kann sich leicht ausmalen, wie dies weitergegangen wäre, wenn man die Ärzte im Osten weiterhin mit der wertlosen Ostmark bezahlt hätte.

      ab 29:00 https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-38263.html

    4. Eule

      @ Norbert:

      Das unterblieb, weil wir eine repräsentative Demokratie haben. Die haben wir als Serviceleistung, damit wichtige Entscheidungen von Menschen getroffen werden, die sich in Vollzeit damit beschäftigen können (statt von überforderten Laien die nach einem vollen Arbeitstag leicht von irgendeiner Werbekampagne aufs Glatteis geführt werden können). Und diese Menschen haben wir uns bei der Parlamentswahl extra ausgesucht und mit der Entscheidung in unserem Namen beauftragt, und zwar auch bei Sachlagen die wir zu dem Zeitpunkt noch nicht kannten.

    5. Norbert

      Das unterblieb, weil wir eine repräsentative Demokratie haben.

      Wir reden hier von einem Staat, der nicht mehr existiert. Die gegenwärtige Staatsform Deutschlands ist da völlig unerheblich. Während der Wende haben sich in der DDR direktdemokratische Strukturen gebildet. Wären die Wahlen 1990 nicht vom Westen gekapert worden*, hätte sich die DDR in Richtung direkter Demokratie weiterentwickeln können.

      …damit wichtige Entscheidungen von Menschen getroffen werden, die sich in Vollzeit damit beschäftigen können (statt von überforderten Laien…

      Hahaha, LOL. Das hast Du nicht wirklich geschrieben? Beschäftige Dich bitte mal mit den Biografien der damals gewählten DDR-Politiker. Viele von denen haben kein Problem zuzugeben, daß sie von der Situation völlig überfordert waren, und die Tragweite ihrer Entscheidungen oft nicht überblickt haben. Woher hätten sie es auch wissen sollen? Die Meisten von ihnen hatten bis Oktober 1989 nichts mit “Politik machen” am Hut, und waren für ihre Aufgabe ähnlich gut qualifiziert, wie ein Großteil der Menschen im Land. Da hätte man am Ende ruhig mal nachfragen können, wie das Volk die geleistete Arbeit beurteilt (ganz abgesehen davon, daß die Volksammer vom 20. September nicht mehr dieselbe war, die am 18. März gewählt worden war, weil einige Parteien zwischenzeitlich verschwanden, neue hinzu kamen, und Abgeordnete z.B. wegen Stasiverstrickungen ausschieden).

      * Jens Reich: Das Bonner Nilpferd ist in einer Massivität gekommen, dass man einfach hilflos war. Im Wahlkampf ist einfach der gesamte Apparatismus des Westens in den Osten gebracht worden. Dem hatten wir nichts entgegenzusetzen. Das waren in die DDR exportierte Westwahlen.

  4. Nelson

    Fakt ist, dass der Anschluss gemäß bundesdeutschem Grundgesetz stattfand und man sich nicht viele Gedanken darüber gemacht hat, ob das nicht die Chance einer bundesdeutschen Verfassung gewesen wäre, auch mit etwas Einfluss von ostdeutscher Seite. Dann hätte man bspw. den Gottesbezug aus der Präambel wegrationalisieren können.
    Fakt ist auch, dass es noch heute sehr wenige Ostdeutsche in Führungspositionen deutscher Behörden und Universitäten gibt. Da wird dann natürlich ein ganz anderes Narativ weitergetragen (DDR war reiner Unrechtsstaat usw.).
    Ach und Merkel und Gauck sind für mich keine repräsentativen Ostdeutsche. Der eine Pfarrer und die andere Pfarrerstochter. Das sind eher westdeutsche Biografien.
    Fakt ist auch, dass man Menschen mit kleinster Stasivergangenheit stigmatisiert hat. So viel Mühe hat man sich mit den Nazis im Westen nie gemacht und die waren für den Holocaust verantwortlich. Vielleicht sind diese braunen Fußabdrücke in vielen Behörden und vor allem in der CDU einer der Gründe, warum man sich an den Kommunisten quasi gerächt hat. Funfact…man begann erst nach 2010 mit der Aufarbeitung wie die personelle Kontinuität in den deutschen Ministerien nach dem 2. Weltkrieg war. Im westlichen BMI hatten über die Hälfte der höheren Beamten Nazivergangenheit. Aber keine Angst…die waren dann schon alle tot und die Pensionen sicher. 🙂
    Im Osten waren es nicht mal 5%, aber dafür viele schlimme Kommunisten. Für mich wird das immer ein fader Beigeschmack bleiben, dass man die Nazis hat tolle Karrieren machen lassen und so unverhältnismäßig streng nach der Wende war.
    Da ist die bundesdeutsche Demokratie moralisch überhaupt nicht im Vorteil. Man hätte es auch ohne die Nazis geschafft. Bspw. hat man von den Juristen, die 1933 von den Nazis entlassen wurden, kaum welche wiedereingestellt. Dann lieber die gut eingearbeiteten Nazis wie Globke.

    Holgi hat auch den sehr wichtigen Punkt erwähnt, dass es im Osten kaum Vermögen gibt. Früher war das ein Vorteil. In der DDR gab es kaum richtig reiche Menschen. Geld hat kaum eine Rolle gespielt. Über 40 Jahre Vermögensungleichheit wird man nicht aufholen können.

    Es war auch ein arroganter Fehler bundesdeutsches Recht auf DDR Entscheidungen anzuwenden. Die Enteignungen wurden genannt. Die DDR hat sich nunmal an Volkseigentum versucht und nach deren Recht war das völlig in Ordnung. Das wieder rückgängig zu machen, hat viel Porzellan zerbrochen.

    Antworten
    1. Wolfgang

      Lieber Nelson,

      dass in der DDR keine Nazis nach 45 mehr in Amt und Würden waren ist eine Legende
      https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_t%C3%A4tig_waren#Sowjetische_Besatzungszone_und_Deutsche_Demokratische_Republik
      Die Liste Ost ist nicht wesentlichg kürzer, als die Liste West. Und das bei nur einem Fünftel der Bevölkerung.

      Im DDR-Innenministerium waren 20 Prozent Nazis
      Zum ersten Mal werden personelle Kontinuitäten von Behörden im innerdeutschen Vergleich erforscht. Auch die SED-Diktatur griff auf Experten aus der Nazi-Zeit zurück – ganz wie im Westen.
      https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article148413890/Im-DDR-Innenministerium-waren-20-Prozent-Nazis.html

      Wie die Stasi SS-Leute aus Auschwitz erpresste
      Als ehemaliger Auschwitz-Wachmann im antifaschistischen Musterstaat leben? Eigentlich undenkbar. Doch tatsächlich arrangierte sich die DDR mit vielen, die im KZ Dienst getan hatten. Der Preis: ein Zwangspakt mit der Stasi.
      https://www.spiegel.de/geschichte/ns-taeter-in-der-ddr-wie-die-stasi-ss-leute-aus-auschwitz-erpresste-a-987462.html

      Ich würd mal sagen, keinen Deut besser.

      Ich kann das aber auch nachvollziehen.,

      Wie sagte einst Adenauer: “ich kipp das alte Wischwasser nicht weg, solange ich kein neues hab.

      Sicher unschön, aber nicht mehr zu ändern.

      Leider zuerst falsch gepostet. Könnte das erste Post bitte jemand ettfernen? Holgi?

    2. Eule

      Ein “Anschluss” wäre eine einseitige Vereinnahmung eines Landes durch ein anderes. Das gab es 1938 mit Österreich, wo erst Fakten geschaffen wurden (Einmarsch von Wehrmacht und SS) und danach erst eine administrative Eingliederung erfolgte. Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik erfolgte durch einen beidseitig gemeinsam ausgehandelten und in den jeweiligen Parlamenten (Volkskammer, Bundestag, Bundesrat) jeweils mit Zweidrittelmehrheit vorher verabschiedeten Staatsvertrag.

      Vorherrscheinde Meinung zur Alternative “ganz neue Verfassung” ist soweit ich weiss, dass dies zweifellos ein sehr viel langwierigerer Prozess gewesen wäre, für den zum einen die Zeit fehlte und zum anderen auch schlicht die Geduld in beiden Bevölkerungen. De Maizière hatte im für ihn erfolgreichen Wahlkampf zur Volkskammerwahl im März ja zudem auch für eine zügige Einheit geworben.

      Oh, und ein Argument bei der unterschiedlichen Behandlung von Ex-NSDAP und Ex-Stasi wäre natürlich auch, dass man halt aus Fehlern gelernt hat… “Ihr habt damals bei den Nazis alles falsch gemacht” und “Warum habt ihr bei der Stasi denn nicht genauso gehandelt” ist jedenfalls ein etwas überraschendes Argumentationspaar. 😉

    3. Norbert

      Das mit dem Anschluss kann man so sehen. Muss man aber nicht. Ich kann mich zumindest nicht erinnern, gefragt worden zu sein. Da haben zwei Regierungen über den Kopf ihrer Bevölkerungen hinweg Tatsachen geschaffen.
      Und Ex-NSDAP ist nicht das Gleiche wie Ex-Stasi. Ex-SED/DBD/LDPD/CDU/NDPD trifft‘s eher – die lässt man heutzutage ja auch weiterwerkeln. Die Stasi entsprach am ehesten der GeStaPo.

  5. christian von praun

    Ich finde, auf “beiden Seiten” wird zu viel gejammert und sich zu wenig über die Wiedervereinigung gefreut.
    Es ist nicht alles reibungslos abgelaufen aber immerhin ohne Bürgerkrieg etc.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.