WR1009 Das ostdeutsche Gefühl

 

Im Jahr 2019 feiern wir 30 Jahre Mauerfall und während sich für jemanden wie mich, der in der ersten Bundesrepublik aufgewachsen ist, nur vergleichsweise wenig geändert hat, hatten die Ostdeutschen eine gravierende “Verlusterfahrung” (Gregor Gysi).

Das ist allerdings 30 Jahre her und aus meiner Perspektive sollte in diesen drei Jahrzehnten auch noch der Letzte mitbekommen haben, in welcherlei Verhältnissen wir leben und wie damit umzugehen ist.
So ist das aber nicht – und das liegt zuvorderst an Begrifflichkeiten, wie mein Gesprächspartner Thomas Brandt sagt. Thomas stammt aus Thüringen, ist Lehrer in Bayern und versucht, mich dem ostdeutschen Gefühl ein Stück näher zu bringen.

Wir reden über Dinge wie Gesellschaft / Gemeinschaft – Homogenität – Solidarität – Individualität – Zusammenhalt – Der Sandmann für ErwachseneSonnenallee, NVA (die Filme) – DDR-Witze – Stasi – Verantwortung / Freiheit – Gleichheit / Gerechtigkeit – Demokratie – Pluralismus – Meinungsfreiheit / Wahrheit – Das WGT – Arbeit – Empathie

24 Gedanken zu „WR1009 Das ostdeutsche Gefühl

  1. s.m.langer

    Zu dem Satz “das hat doch mit Demokratie nichts zu tun” muss ich etwas einwerfen.
    Teil des Demokratieverständnis scheint auch die, eigentlich undemokratische, klare Hierarchie gewesen zu sein. Wenn es einen wahrgenommenen politischen / gesellschaftlichen Missstand gab, dann war der verwantwortliche Ansprechpartner klar. Man hat den darauf angesprochen und es wurde sich irgendwie darum gekümmert. Man hatte auch als einzelner Bürger die Möglichkeit etwas “zu bewirken”.
    Dann kommt immer der Vergleich mit dem aktuellen politischen System: es wird gewählt, irgendjemand debattiert über Dinge die sowieso niemanden betreffen, es gibt faule Kompromisse und am Ende ändert sich nichts.
    Dieses Muster höre ich von meinen Eltern sehr häufig.

    Der Küchenpsychologe in mir denkt hier ständig an den Begriff “Selbstwirksamkeit”. Die Wahrnehmung früher konnte man auch als einzelner etwas ändern und heute eben nicht, gibt vielleicht auch eine Erklärung, warum so viele, scheinbar auch gegen ihre Interessen, die AFD wählen. Einmal Stimme abgeben, Wirkung: riesen Aufschrei in Politik und Presse.

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    1. gom

      Diese Selbstwirksamkeit ist doch aber kein Problem. Niedere politische Ämter, Arbeit im Verein oder schlicht Freizeitgestaltung oder einfach nur das Miteinander mit den steht den Meisten offen. Die Lebensgestaltung sieht aber meist anders aus. Das Leben besteht aus Arbeit um sich Konsum leisten zu können. Dabei ist oft weder die Arbeit befriedigend noch der Konsum. Nach 30 Jahren “Westverhältnisse” ist eine Sättigung da. Der neue 2t Straßenpanzer ist heute halt nicht so geil wie der gebrauchte Opel Astra, der den Trabi ablöste. Der Urlaub in den USA noch so aufregend wie das erste mal Frankreich. In diese Lebenskonzepte “drängen”[1] sich nun auch noch alternative Ideen, dass Arbeit und Konsum als Selbstzweck und unbegrenzt nicht aufrecht zu erhalten sind und das es Veränderungen geben wird. Diese Veränderungen werden als Bedrohung wahrgenommen und schaut man sich die Positionen der AFD an, dann stellen sie sich gegen diese Veränderungen/Bedrohungen. Als Bonus gibt es Selbstwertgefühl für Versager.. ähm Nationalismus[2].

      * Fremde Kulturen / Sprachen / Menschen -> Rassismus [2]
      * Alternative Gesellschaftsmodelle -> Vater, Mutter, Kind
      * Jugend die Veränderung will -> Geht arbeiten / erreicht erst einmal was!
      * Umweltschutz und damit weniger Konsum, weniger Auto -> Klimaleugnung und AFD 4 Diesel/Hubraum

      Das ist total bitter, aber die AFD handelt damit im Interesse ihrer Wähler. Das dieses Interesse bzw. dessen Umsetzung nach externer Bewertung für eben jene Wähler negativ ist, ist eben nur das, eine externe Bewertung. Die hält jedoch Niemanden von seiner Wahlentscheidung ab (Grüße an die SPD und deren Wähler).

      Eine Wirksame Idee, wie man diese Themen den Faschos aus der Hand nehme habe ich dabei leider auch nicht.

      [1] nicht aus meiner Sicht
      [2] Dieser Gaga-Rassismus wäre auch mal ein Thema wert. Hakenkreuze und offener Antisemitismus sind geächtet. Sorros und Finanzelite wird aber der Tot an den Hals gewünscht. Rassist ist der Ostdeutsche ja auch nicht, er hasst ja Moslems und nicht “die arabische Rasse” [sic].
      Das diese Menschenverachtung seitens der AFD hingenommen wird, obwohl sie sich kaum von der NPD unterscheitet verstehe ich auch nicht. Die NPD haftete selbst auf dem sächsischem Land ein Stigma der Unwählbarkeit an (bei der Mehrheit zumindest)

  2. Jens

    Oberfranken, Grenze zu Thüringen:
    Ich arbeite in einem größeren Industriebetrieb, in dem wir Arbeiter aus sehr vielen verschiedenen Ländern haben (Ost- und Südeuropa, ehemalige SU, Magreb, Subsahara, Türkei, versch. arabische Länder). Und rechtes Gedankengut und Ausländerhaß schimmert bei Deutschen recht oft durch, ganz unabhängig davon, ob die aus Ost- oder Westdeutschland kommen. Ich bin der festen Überzeugung, daß wenn es die CSU in Bayern nicht gäbe, wäre die AfD hier schon lange an der Regierung, und das ist jetzt kein Lob für die CSU.

    Moralische Überlegenheit, ein weiterer Aspekt:
    Was mich stört, ist die oft zur Schau getragene moralische Überlegenheit. Da meine ich jetzt nicht Holgi oder Advi, die beiden reflektieren und denken nach. <3
    Wir, als Europa und gerade auch Deutschland, bauen gerade einen riesigen Mist, indem wir gewollt und sehenden Auges Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen. Ich glaube, daß das eines der ganz großen Verbrechen unserer Zeit ist, hier in Europa. Und da bekomme ich immer die Krise, wenn dann z.b. Westdeutsche fragen, wie man als Ostdeutscher dies oder jenes nur geschehen lassen konnte, wie man da nur so seelenruhig sein Leben führen konnte…

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  3. David

    Sachsen-Anhalt – das Land der Frühaufsteher. (haben sie wohl mal statistisch herausgefunden…)
    Ich vertrete immer die Meinung, das liegt daran, daß es dort “keine” Arbeit gibt, und die Leute weit pendeln müssen.
    Ich ich hab auch Beispiele in der Familie, wo das genau so ist. Vom platten Land 70km nach Leipzig…

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  4. DAT

    Da wollte ich gerade noch meinen “Land-der-Frühaufsteher”-Kommentar abgeben, aber David kam mir zuvor – in der Tat ist das kein Pluspunkt von “das ist einer der Vorteile dieses Landes”, sondern eher ein Indikator dafür dass es dem Land nicht so pralle geht.

    Ähnlich wie “Chemnitz – Stadt der Moderne” – Industriestadt ohne geschichtliche Relevanz oder Stadtkern halt

    Zu Dresden – auch Dresden ist eher ein linkes Zentrum, klingt total kontraintuitiv – weil immer mit rechten Tendenzen in den Schlagzeilen, lässt sich aber anhand der Wahlergebnisse gut nachvollziehen.
    In meinem Wahlkreis beispielsweise (trotz dass wir ein Vorzeigebeispiel für Gerrymandering in Deutschland sind – https://www.dnn.de/Region/Mitteldeutschland/Reformplaene-Eigenartig-strukturierte-Wahlkreise-in-Dresden-Leipzig-und-Chemnitz) ging das Direktmandat an Grün (eins von 3 in Sachsen, einer Links, sonst nur AfD oder CDU)

    Der Punkt ist aber dass das eben nur die Dresdner Innenstadt ist – und bereits im Speckgürtel sieht es anders aus – von Kleinstädten in der Nähe (die Sächsische Schweiz liegt nebenan – die waren schon NPD-Hochburg lange bevor die AfD existierte)

    Und wenn man als Nazi-Demonstrant in Sachsen irgendwo demonstrieren gehen will, wo geht man dann hin? Nach Chemnitz? (hat keine Innenstadt) oder Leipzig? Oder doch eher nach Dresden und faselt was von “Da guck! Die Aliierten haben auch Städte kaputt gemacht – siehe hier!”?

    Ich sehe die Wahlergebnisse übrigens gleichzeitig optimistischer als auch pessimistischer als die meisten.

    Optimistischer – weil ich der Meinung bin dass es nicht viel schlimmer geworden ist. Seit der Wende gingen hier immer 50% der Stimmen an CDU, FDP und klare Nazis. Das ist auch heute so, nur dass der CDU-Anteil dabei geringer geworden ist. (und die AfD zeigt eher inzwischen endlich Tendenzen zu sinkenden Ergebnissen)

    Pessimistischer hat sich damit auch gleich selbst erklärt – ich halte nicht 25% der Sachsen für verkappte Nazis, sondern eher 50%. Der Landesverband der CDU ist nicht von ungefähr einer der radikalsten überhaupt – die schlagen selbst die CSU noch in vielen Bereichen.

    Der Unterschied von Sachsen-CDU zur AfD ist inhaltlich verdammt gering. Zum Glück interessiert sich ja niemand für Inhalte. Der einzig relevante Punkt ist die Schlagzeile “jetzt mehr Nazis in Sachsen”, mit der man Vorurteile bestätigen kann – das verkauft sich immer gut.

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    1. Knut

      “ich halte nicht 25% der Sachsen für verkappte Nazis, sondern eher 50%.”

      Donnerwetter! Und das belegst du wie?

      Ich finde es ja immer wieder bemerkenswert, dass manche Leute zwar zurecht kritisieren, wenn ein Neonazi daherschwallert, die Ausländer wären ja eh alle kriminell, aber seinerseits keinerlei Probleme darin sieht, mal im Vorbeigehen die Hälfte der Sachsen als Nazis zu diffamieren …

    2. DAT

      @Knut

      steht doch da? An den Wahlergebnissen die konstant seit der Wende in die gleiche Richtung zeigen.

      Unterhaltung mit Leuten aus dem Erzgebirge (meine Heimat) oder der sächsischen Schweiz (die meiner Frau) hilft da leider auch nicht um das zu widerlegen.

    3. Knut

      Deine subjektive Wahrnehmung also. Super Grundlage.

      Dein Versuch, aus den Wahlergebnissen im Osten eine Naziattitüde der Ostdeutschen ableiten zu wollen, scheitert ja schon daran, dass die Extremisten eben keine 50% Wahlerfolge feiern. Die zeitweilig erwähnenswerten Wahlergebnisse der NPD waren lokal begrenzt, im Gegensatz zu denen der AfD, die heute deutschlandweit in der Fläche präsent ist. Und das, obwohl die NPD das ungetarnte Orginal ist, in dem sich jeder Rechtsextreme und Neonazi pudelwohl fühlen sollte.
      Bei der letzten sächsischen Landtagswahl bekam die NPD 0 (!) Erststimmen und 0,6% der Zweitstimmen.
      Noch Fragen?

      Deine Wahlergebnisse, die “konstant seit der Wende in die gleiche Richtung zeigen” kannst du hier detailliert nachschlagen. Such da mal deine 50% Nazis raus:

      https://www.bundeswahlleiter.de/dam/jcr/a333e523-0717-42ad-a772-d5ad7e7e97cc/ltw_erg_gesamt.pdf

      Die Wahlergebnisse der AfD sind wohl eher der Unzufriedenheit mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen geschuldet, das klang ja schon an.
      Grob vereinfacht: die wählen nicht AfD, weil sie die AfD so toll finden, sondern weil AfDwählen die derzeit effektivste Art ist, “dem System” den Stinkefinger zu zeigen. Wahrscheinlich auch ein Indikator, wie schlimm es um die einzelnen Länder tatsächlich steht.
      Das prozentual im Osten mehr AfD gewählt wird, liegt wohl schlicht daran, dass es dem Osten im Vergleich am beschissensten geht, hier ist schon die Ausgangslage mies und die Ungewissheit am größten. Und das keineswegs nur bei den “unteren” Schichten sondern bis weit in den Mittelstand hinein.
      Natürlich gibts hier in Sachsen Rechtsextreme, zweifellos auch in der Wolle gefärbte Neonazis, keine Frage.
      Und in der AfD gibts ganz unzweifelhaft Rechtsextreme und Neonazis. Das macht die Wähler noch lange nicht zu solchen.

      Nach meiner bescheidenen Meinung ist sowohl der differenzierungslose, inflationäre Gebrauch der Vokabeln und erst recht das pauschalierte Bashing bestenfalls der sehr zweifelhafte Versuch, einen zielführenden Diskurs über Ursachen und Lösungen zu vermeiden, wenn nicht schon von vornherein nur die Diffamierung an sich beabsichtig ist.
      Führt beides nicht weiter ..

    4. DAT

      > Deine subjektive Wahrnehmung also. Super Grundlage.

      Was war an “aus den Wahlergebnissen” so schwer zu verstehen?

      Und dann faselst du irgendwelchen Blödsinn der NPD und AfD vergleich und völlig außer acht lässt dass die halt unterschiedlichen Ruf haben. Kann man machen – ist aber halt bescheuert.

      Die Leute wollen keine Nazis sein, NPD ist eine klare Nazipartei, die wählt man ja nicht! Aber AfD ist ja nur “protest”, oder “bürgerlich” – Du siehst da keinen Unterschied?

      Wenn es nach Inhalten gehen würde, wäre Sachsen-CDU und AfD fast nicht auseinander zu halten – warum sollte es da eine Wählerwanderung geben? Oh warte! Mein Ausgangspunkt war ja bereits dass Inhalte egal sind – das würde es tatsächlich erklären.

      “Ausländer raus!” vs. “Überfremdung” vs. “Islamisierung” – klar kann man verklausulieren und behaupten dass es da Unterschiede gäbe, aber das was die Leute denken läuft halt trotzdem auf “diese Neger sind schuld! Unter Adolf hätt’s das nicht gegeben” raus.

      > Und in der AfD gibts ganz unzweifelhaft Rechtsextreme und Neonazis. Das macht die Wähler noch lange nicht zu solchen.

      Hat auch keiner gesagt? Nur dass 50% der Leute halt Nazis wählen wollen. Und jetzt darfst du ruhig weiter unverändert darüber schimpfen dass ich 50% meiner Mitbürger als Nazis bezeichne – daran ändern werde ich ja eh nichts. Du hast die letzten beiden meiner Kommentare nicht gelesen, da werde ich dich auch mit einem dritten nicht überzeugen.

      Einen schönen Tag noch.

    5. Knut

      Du stützt deine Diffamierung, die Hälfte der Sachsen wären verkappte Nazis, auf genau drei “Argumente”:

      1. Wahlergebnisse, die dies “konstant seit der Wende” angeblich belegen würden, natürlich ohne diese Belege beizubringen, sowie
      2. “Unterhaltung mit Leuten aus dem Erzgebirge”, und
      3. “aus der sächsischen Schweiz”, die “da leider auch nicht [hilft] um das zu widerlegen”

      Ich sortiere mal:

      Da du die Behauptung aufstellst, anhand der Wahlergebnisse könnte man die 50% Naziquote sehen, bist ausschliesslich du in der Beweispflicht. Den Link zu den Wahlergebnissen musste ich dir schon raussuchen, den Rest wirst du doch alleine schaffen?

      In Sachsen leben so pi mal Daumen 4 Millionen Menschen und du willst mit ein paar Gesprächen abgeklärt haben, wie die alle ticken? Das ist recht sportlich.

      Und auch im weiteren wird deine “Beweisführung” nicht besser:

      Du schreibst: “Die Leute wollen keine Nazis sein, NPD ist eine klare Nazipartei, die wählt man ja nicht!”

      Um gleich darauf die Behauptung aufzustellen, dass “50% der Leute halt Nazis wählen wollen”.

      Ich muss zugeben, dass mir da der Kopf ein bissel wehtut. Habe ich dich da richtig verstanden:

      Die wollen also Nazis wählen, trauen sich aber in der Anonymität der Wahlkabine nicht, Nazis zu wählen?

      Das beleidigt nicht deinen Sinn für vernünftiges Schlußfolgern?

      Ich hatte kurz darüber nachgedacht, dich zu fragen, woran du “die AfD zeigt eher inzwischen endlich Tendenzen zu sinkenden Ergebnissen” bei plus 17,7%* in Sachsen festmachst. Angesichts deiner bisherigen Argumentation halte ich das dann aber doch für sinnfrei.

      *https://wahlen.sachsen.de/LW_19.php?_ptabs={%22%23tab-vorwahl%22%3A1}

    6. gom

      @Knut

      DAT hat schon recht. Als Bewohner Sachsens kann ich da mitgehen. Die Leute wollen keine Nazis sein, es wurde verinnerlicht, dass die Nazis die Bösen sind. Das Problem an der Stelle ist, dass der Mythos der Deutschen als Opfer Weniger (Hittler und sein Gesellen) sich verfangen hat. Das Rassismus, Verfolgung Andersdenkender, Nationalismus etc. pp. die schlechten Aspekte waren, die schlecht waren und vor allem funktionierten, weil sie die Bevölkerung mit trug ist eine Erkenntnis, die nicht weit verbreitet ist [1]. Ganz im Gegenteil, viele Personen tragen eben diesen Rassismus auch heute mit und haben da dann auch noch oft die Haltung, dass ihre “Abneigung” gegen Moslems ja nichts mit Rasse zu tun habe und sachlich begründet werden kann (mit Meldungen aus Facebook).
      Eben diese Personen als Nazis zu bezeichnen ist in meinen Augen nicht verkehrt. Wer es genauer formulieren will kann es ja so Versuchen:
      “Person, die strukturellen Rassismus, Verfolgung Andersdenkender und Nationalismus wissentlich oder unwissentlich unterstützt.”
      Das verfängt halt nicht.

      Was ansonsten die Wahlanalyse angeht: https://www.wahlen.sachsen.de/LWbis09-5022.html
      Unter der Annahme dazu: Republikaner, NPD und AFD stehen sehr weit rechts.
      Die sächsische CDU steht oft weiter rechts als die CSU. Sie Entspricht am ehesten der bundesdeutschen Werteunion.
      Die säch. FDP hat Holger Zastro an ihre Spitze gewählt (pro Pegida, sieht Jörg Haider als Vorbild)

      Dann haben in den Landtagswahlen in Sachsen tatsächlich immer 50% der Wähler ihre Kreuze immer sehr weit rechts gesetzt. Eben bei jenen Parteien, wo keine Impulse für Menschenrechte oder liberale Gesellschaften zu erwarten waren, eher das Gegenteil.

      [1] Analog übrigens bei der DDR, da Schimpfen viele über DDR und die SED. Das sie selbst die Rädchen waren die den Laden am Laufen hielten und wegsahen, wenn im Umfeld Menschen in Ungnade vielen oder gar verschwanden..

    7. Knut

      Nun, wenn man in NPD, AfD, FDP und CDU/CSU eine Form von nationalsozialistischer Einheitspartei sieht, dann ist wohl in der Tat das halbe Land von Nazis bevölkert. Blöderweise müsste man dann aber immernoch konkret darlegen, was Sachsen dann so besonders machen soll, diese Parteien sind bundesweit am Start.

      Der inflationäre Gebrauch der Bezeichnung “Nazi” beschreibt nicht das Problem, er ist ein Teil des Problems.
      Seine pauschalierte Anwendung gegenüber allem, was als “rechts” wahrgenommen wird, imho sogar dessen, was innerhalb eines völlig legitimen politischen Spektrums eher rechts der eigenen Position steht, normalisiert diesen Begriff, nimmt ihm seine Wirkmacht und verharmlost damit letzten Endes die Nazidiktatur.

      Mit der Bezeichnung “Nazi” macht man sich einen schlanken Fuß. Es ist schön bequem. Man braucht seine eigene Haltung nicht begründen. Man entzieht dem Anderen jegliche Diskursberechtigung, mit Nazis redet man ja nicht. Man braucht noch nicht einmal zu begründen, was den Anderen denn nun konkret zum Nazi macht. Im Grunde sagt man damit garnichts, man wertet den Anderen lediglich ab. Es ist ein Totschlagargument.

      Und es hat keinerlei Nutzen, im Gegenteil.
      Der so Betitelte fühlt sich mit Massenmördern auf eine Stufe gestellt und empfindet diese Gleichstellung, völlig zu Recht, als extremste Form der persönlichen Beleidigung. Er wird darauf immer mit extremster Ablehnung reagieren.
      Der Bezeichner, der damit moralische Überlegenheit demonstrieren will, erreicht so das genaue Gegenteil dessen, was er eventuell beabsichtigt. Der als Nazi Bezeichnete wird seine Ansichten nicht ändern, er wird sogar darin bestärkt. Denn wenn seine Ansichten mit nichts anderem als eklatanten Beleidigungen überzogen werden, hat die Gegenseite ja offensichtlich keine besseren Argumente. Wer nimmt solche Leute schon ernst? Warum sollte man solche Leute überhaupt ernst nehmen?
      In der Realität sorgt das nur dafür, das sich der Extremismus im Denken und Handeln gegenseitig aufschaukelt. Man schaue sich im Zweifel die aktuelle Situation im Land an, die spricht für sich.
      Das nur allgemein mit der Bitte um Beachtung.

      Es gibt zwei Gründe, warum ich DAT’s Behauptung heftig widerspreche:

      Zum Ersten ist es nur eine Behauptung. Trotz wiederholter Nachfrage ist er(?) nicht willens oder in der Lage, vernünftige Belege für seine Behauptung zu erbringen und die “Begründung”, die er versucht, kann man bestenfalls nur als intellektuell harmlos bezeichnen. Es ist schlicht eine Zumutung, der billige Versuch, mit Stammtischargumenten Anklang zu finden, in der Hoffnung, weil es sich ja gegen “Nazis” richtet, somit die Richtigen trifft, wird schon niemand so genau hingucken.

      Zweitens, und dieser Punkt ist imho der Wichtigere, diffamiert er pauschal gut 2 Millionen Menschen, er wertet sie ab, indem er sie als “Nazis” verächtlich macht.

      Das pauschale Diffamieren von Menschen ist bekanntermaßen in rechtsextremen und neofaschistischen Kreisen beliebtes Stilmittel und ist aus offensichtlichen Gründen nicht tolerabel.

      Es gibt keinen vernünftigen Grund, diese Methoden doch zu tolerieren, nur weil der Adressat der pauschalen Diffamierung wechselt.

  5. Peter

    Habe keinen besonderen Kommentar diesmal, ich wollte mich nur bedanken, dass ihr diese Folge gemacht habt. War viel Erhellendes dabei!

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  6. gong

    Danke für die schöne Folge. Die Darlegung der spezifischen “ostdeutschen Umstände” war sehr erhellend. Ich muss zugeben, dass ich selbst manchmal für mich einfach resignierend denken, das unsere moderne Gesellschaft und das Staatsgebilde, einen so hohen “philosophischen Anspruch” hat, dass er von vielen Teilen der Bevölkerung einfach nicht mehr verstanden wird, weil ihnen die Bildung, oder das intellektuelle Rüstzeug, sich darauf einzulassen, fehlen. Ist natürlich auch zu kurz gedacht und sehr arrogant 🙁

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  7. Johannes Fischer

    Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viel über den Osten, die Wiedervereinigung und die DDR gelernt habe. Diese kleine Mentalitätsanalyse war wirklich augenöffend. Ost und West sprechen wirklich zwei völlig verschiedene Sprachen. Wir sagen das gleiche, aber meinen vollkommen unterschiedliche Dinge. Ich hatte diese Strukturierung als Volkskollektiv im Hinterkopf. Aber wie Thomas Brandt das ausdeutet und mit der Gegenwart verzahnt, ist wirklich erstaunlich. Auch, dass Höcke und Kalbitz diese Ost-Mentalität so präzise ansprechen und damit emotional das Volkskollektiv der DDR wieder heraufbeschwören, habe ich so noch nirgends gelesen. Vielen Dank an Euch beiden!

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  8. Bernhard Kraft

    Da hat man beim Lehrer Thomas, mal richtig was gelernt. Danke dafür! Dass die 80er im Westen ein Paradies war, kann nur jemand sagen, der ein Mann ist. Für Frauen waren die 80er eine Katastrophe. Die Schwangerschaft war automatisch das Ende der beruflichen Karriere. Wenn Frau dann noch nicht einmal einen Mann hatte, der die Kohle ran schaffte, war das auch der finanzielle Ruin. Heute ist es zumindest noch möglich die berufliche Karriere fortzusetzen, wenn frau ein Kind kriegt. Dass das nicht immer so einfach ist, weiß ich.

    In den 80ern waren mir die Probleme der Frauen genauso unbekannt wie heute die Probleme der Ostdeutschen. Aber die Sendung hat mich aufgeklärt.

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  9. Jens

    Ich glaube nicht, dass sich die Hoffnung, das Problem werde mit den Jahren Aussterben, bewahrheitet. In Thüringen gab es unter den jungen Menschen mehr AFD-Wähler als unter den älteren. Die Alten haben dafür deutlich häufiger die Linke gewählt. Daher bin ich mir nicht so sicher, ob Eure Analyse so treffend ist.

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    1. holgi Beitragsautor

      Jau. Die Sendung hatten wir in der Woche vor der Wahl aufgenommen und ich hab auch heftig geschluckt, als ich die Zahlen aus Thüringen gesehen hatte.

  10. hilti

    Im Westen war die Gesellschaft bis in die sechziger Jahre ja auch sehr homogen. Dann erst kamen Gastarbeiter. Und Achtunsechziger, die sich anhören mussten, dass es das unter Adolf nicht gegeben hätte… Heißt das platt gesagt, dass die ostdeutsche Gesellschaft der westdeutschen 20 bis 30 Jahren hinterherhängt sich an die Inhomogenität zu gewöhnen?

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  11. Tarifkenner

    Sehr schöne Sendung, vielen Dank. Zwei Anmerkungen:
    1) So gegen 1 h 7′ sagt THomas, das Medianalter in Deutschland betrage 58 Jahre. Ich freute mich kurz, dass ich noch zu jüngeren Hälfte gehörte. Dann beschlich mich der Zweifel und ich recherchierte. Laut Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Medianalter) lag 2015 das Medianalter in Deutschland bei 46, 5 Jahre – was auch schon sehr hoch ist. Es ist ausgeschlossen, dass es sich in drei Jahren so erhöht hat.
    2) Thomas erklärt das bessere Funktionieren Bayerns gegenüber Thüringen auch damit, dass in Bayern in jedem Dorf ein CSU-Ortsverein “installiert” sei, darum würden sich in Thüringen zumindest die etablierten Parteien nicht kümmern. Das klingt so, als sei es Aufgabe der da oben, in jedem Dort eine parteipolitische Vertretung oder Ansprechpartner zu organisieren. Und mit diesem Anspruchsdenken treten viele Ostdeutsche auf. Dass es im Westen mehr Ortsvereine gibt, liegt aber daran, dass die Dorfbevölkerung aktiver ist, in eine Partei eintritt und Ortsvereine selber gründet. Niemand hindert die ostdeutschen Dorfbewohner, das zu tun. Dann sind sie selber die Ansprechpartner.

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  12. tkrholic

    Hi Holgi,

    zu deinem “aber es ist doch 30 Jahre her”:
    Du sagtest auch, dass du nie wieder SPD wählen wirst.
    (Unter der Annahme, dass die SPD keine 180°-Kehrtwende schaft und wieder wirkliche Sozialpolitik macht, sondern den aktuellen Weg weitergeht oder sogar noch verschärft)
    Auch in 30 Jahren nicht?
    (Ja, du wärst dann 80. Mal angenommen du wärst jetzt 25 oder währst mit 80 noch genauso fit wie jetzt und hättest noch genauso lang bis zur Rente zu arbeiten wie jetzt.)
    Und würdest du dir selbst dann sagen “Aber das ist mit Hartz IV ist doch 30 Jahre her. Da kann man schon wieder die wählen, die dir vermutlich eine der größten Ängste in deinem Leben verursacht haben.”

    Grüße,
    tkrholic

    P.S.: Danke für diese Podcast-Episode. Ist eine weitere die ich meinem Umfeld bei diesem Theme empfehlen kann.

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  13. Sven

    Hallo ihr Beiden,

    danke erstmal für den Annäherungsversuch. Als jemand, der bereits ohne Mauer aufgewachsen ist, stört mich allerdings die konstante Verwendung der Begriffe ost- und westdeutsch.

    Ostdeutschland bezeichnet ja erstmal – Überraschung! – den Osten Deutschlands. Wenn Meckpomm (Norden) und Thüringen (Mitte) da mitzählen, dann zählt da aber auch Bayern mit. Natürlich ist das in dem historischen Kontext, der hier behandelt wird, klar, aber das wird ja auch anderweitig immer wieder so verwendet. Ab und an sagt ihr auch mal “ehemalige DDR”, was es meines Erachtens auch eher trifft. Gibt ja sonst auch noch “neue Bundesländer”, “ehemaliger Osten” etc.

    Wir sprechen ja jetzt auch nicht von “Ostfrankreich” und meinen plötzlich das Saarland mit. Der historische Kontext, in dem das mal korrekt war, ist schließlich vorbei. Und damit sollte auch der Begriff – “immerhin 30 Jahre später!” – mal vorbei sein. 🙂

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  14. Lilolinn

    Diese Sache mit dem Kümmern passt zu meiner These: Als 2015 Frau Merkel sagte: “Wir schaffen das!”, empfanden das viele abhängte Ostdeutsche als massive Kränkung, denn es wurde sich offiziell um Geflüchtete gekümmert, aber nicht um sie, also nach deren Weltsicht. Und genau da stach die AfD ins Wespennest.

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