WR930 Völkermord in Ruanda

 

Im April 1994 begann der Völkermord in Ruanda. Matthias von Hellfeld erzählt.

Die passende Ausgabe “Eine Stunde History” läuft am 8. April 2019 auf DLFnova.

7 Gedanken zu „WR930 Völkermord in Ruanda

  1. Frank Wunderlich-Pfeiffer

    Ich muss leider sagen, das war mit Abstand eine der schlechtesten Folgen.

    In deutsch-südost Afrika gab es beim Maji-Maji-Aufstand etwa 300.000 Tote – 5-6 mal so viele wie beim Herero-Aufstand. Dagegen hieß es im Podcast, dass es dort nichts gab, dass an dessen Ausmaße heran kam.

    Die Übergabe Rwandas an die Belgier wurde zwar als “schlimm” und deren Herrschaft als “völkerrechtsrelevant” bezeichnet, aber die 10 Millionen Toten der Belgischen Herrschaft von Leopold II. wurden nicht angesprochen. Das finde ich an der Stelle ziemlich unerträglich, auch diese Menschen haben zumindest soviel Respekt verdient, dass Schlächter und Opfer benennt. (Das alles gilt übrigens nicht als Genozid. Die Belgier verteidigen sich damit, dass die 10 Millionen Toten lediglich Resultat übermäßiger Ausbeutung waren – und damit nicht das Kriterium für Völkermord erfüllen. Obwohl mit Sicherheit reihenweise Volks- und Kulturgruppen unter den ehemals 20 Millionen Kongolesen restlos ausgerottet wurden.)

    Aber zu Rwanda. Ohne die Vor- und Nachgeschichte des Völkermords wird das Bild davon immer sehr schief sein. Bitte anschnallen und Kotztüten bereithalten.

    Nach der Unabhängigkeit wurden in den 1960ern hunderttausende Tutsi aus Rwanda ins nördliche Uganda verdrängt und bildeten 1979 die Rwandische Patriotische Front (RPF). Dort wurden sie im Lauf des gleichzeitig laufenden Bürgerkrieges zunächst 1981 ausgewiesen und de-facto staatenlos, verbündeten sich aber mit “der richtigen” Seite, die dann die Macht in Uganda übernahm.

    Die RPF organisierte dann im Ugandischen Militär ein Netzwerk, bei dem immer mehr Rwandische Tutsi in die Kommandoränge befördert wurden und auf einen Krieg gegen Rwanda hin wirkten (dem die Regierung ohnehin nicht völlig abgeneigt war). Das hat die Regierung in Rwanda natürlich gemerkt, spätestens als 1989 die ersten Angriffe begannen, und forderte Uganda auf, die Offiziere aus der Armee zu entfernen – was aber nur dazu führte, dass die schnellstmöglich einen Krieg haben wollten – den sie von 1990 bis 1992 auch bekamen und zwischenzeitlich den Norden Rwandas eroberten und selbst nach dem Friedensvertrag 1993 noch einige Teile davon hielten. Übrigens auch der Grund, weshalb überhaupt UN-Truppen da waren.

    Nichts, das das Vertrauen in die Tutsi gesteigert hätte.

    Gleichzeitig spielte sich ein Machtkampf zwischen Hutu und Tutsi auch in Burundi ab – südlich von Rwanda. 1993 wurde mit Melchior Ndadaye erstmals ein Hutu zum Präsidenten, der aber bald darauf in einem Coup der Tutsi ermordet wurde. Was schon damals zu 50.000-100.000 Toten (beide Seiten) und einem anschließenden Bürgerkrieg in Burundi führte (nochmal 2-300.000 Tote), weshalb das Land heute eines der ärmsten der Welt ist.)

    Der nächste (Hutu) Präsident von Burundi traf sich am 6. April 1994 mit dem (Hutu) Präsidenten von Ruanda, als deren Flugzeug abgeschossen wurde. Was der Anfang des Genozids war. Kurz darauf begann die (Tutsi) RPF wieder den 1993 beendeten Krieg und eroberten das Land von Norden her. Gleichzeitig rückten Französische Truppen ab Juni in den Süden ein. (Die Franzosen hatten in den Jahren davor den Hutu bei der Verteidigung gegen die Tutsi der RPF geholfen. Auch in Burundi spielten sie wichtige Rollen in der Unterstützung der Hutu-Präsidenten. – Jetzt rückten sie gegen die Hutu vor.)

    Am Ende gewannen die Tutsi der RPF den Krieg, eroberten Rwanda und beendeten so den Genozid. Zwei Millionen Hutu flohen daraufhin nach Westen in den heutigen Kongo (damals Zaire) unter furchtbaren Bedingungen. Die bewaffneten sich für die Rückkehr und Rückerorberung von Rwanda.

    Das wurde 1996 wiederum von Tutsi aus Rwanda und dem Kongo mit Militärgewalt unter dem großen Menschenfreund Laurent-Desire Kabila verhindert, der anschließend in einer Allianz aus Rwanda, Uganda und einigen Tutsi-Rebellengruppen ganz Zaire eroberte, das nun Kongo hieß. (Was nur der erste Kongo-Krieg war.)

    Man kann dieses ganze Ding einfach nicht schwarz-weiß sehen. Beide Seiten sind (sehr grob über den Daumen gepeilt) im etwa gleichem Ausmaß Täter wie Opfer.

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    1. Frank Wunderlich-Pfeiffer

      Bitte das Wort “abgeschossen” durch irgendeine Formulierung mit “das Flugzeug ist unter ungeklärten Umständen abgestürzt” ersetzen. (Dass dahinter insbesondere von den Hutu Absicht vermutet wurde, ist wohl selbstverständlich.)

  2. Christian Gruber

    Ich fände es interessant, wenn Kolonialismus allgemein behandelt würde, nicht nur konkrete Vorkommnisse (die zwar auch interessant sind, aber ein grober Überblick würde mich sehr interessieren)

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  3. Florian Weber

    Ich fand diesen Podcast ebenfalls qualitativ/inhaltlich relativ schlecht. Aber der Völkermord in Ruanda wird allgemein sehr schlecht in den Medien dargestellt bzw. analysiert. Habe gerade auf Deutschlandfunk eine Sendung zum “Ruandischen Völkermord” gehört. Wenn ich dieses Thema wahrnehme, kommt schon fast immer ein Gefühl vom fremdschämen auf.

    Ich hatte ‘International Relation’-Seminar zu diesem “Ereignis”, dem Völkermord. Abgehandelt wurden “klassischen” Framings und Deutungsmuster der Medien, der Politik(-Erklärer) und Wissenschaft. Dann wurden historische, (Kolonialismus, Post-K.) , soziologische und wirtschaftswissenschaftliche Texte zu “Ruanda” behandelt. Dann der Genozid und die Akteure (Personen, Staaten, UN) selbst. Die letzen Texte bezogen sich auf die “Organisations-Soziologie”, wie eine Organisation entscheidet und handelt, spezieller die UN und ihr “Nicht-Handeln”.

    Mein Wissen stammt aus englischsprachigen, wissenschaftlichen Texten, die von Wissenschaftlern im Peer Review in internationalen IR-Journals veröffentlicht wurden.

    Meine Aussagen sind jetzt sehr radikal. Die 500000 bis 1000000 Menschen die im Genozid ermordet wurden, waren “Kollateralschäden” für einen Neo-Konlonialen Machtwechsel im politischen System Ruandas. („neo“ im Sinn von „neuem“)

    Der alte Präsident sprach Französisch, der neue spricht Englisch. Der alte Präsident wurde von der „Mehrheit“ gestellt, der neue stammt aus der „Minderheit“ beide wurden mit über 98% Stimmanteil der Wähler gewählt.

    Ich „erspare“ mir mal die Ermordung der „Tutsi“, da ebenfalls von den „Hutu“ gezielt diejenigen ermordet wurden, die eine gemäßigte Position (wie der Präsident) hatten.

    Stichpunktartig:

    • Präsident der im Umfeld von Mitterrand und Frankreich eingebunden war “Françafrique” — Ruanda wurde militärisch-politisch durch Frankreich unterstützt.

    • Französische Militärausbilder und Geheimdienste unterstützen die ruandische Regierung.

    • International Monetary Fund (IMF) verordnet Ruanda Structural Adjustment Programm (SAP) “=Sparprogramm” (Stärkster Akteur im IMF? – USA)

    • SAP die Lebensmittelsubventionen streichen: Bevölkerung – Hunger und gewalttätige Unruhen —> Delegitimierung der Regierung und des Präsidenten

    • SAP, die der Regierung und des Staats ausgaben einschränken und Handlungsfähigkeit schwächen —> Destabilisierung des Staatlichen, “schwache Regierung und Präsident”

    • amerikanische Geheimdienste (bspw. CIA), die die Lage sondierten und Informationen (an afrikanische Verbündete???) liefern, später Militäroperationen zur Evakuierung von Ausländern koordinieren (CIA).

    • —> Destabilisierung und Forcierung hin zu einem Zustand des Bürgerkriegs??? (Verschwörungstheorie)

    • UN-Beobachter und UN-Blauhelme, die ebenso wie amerikanische und französische Geheimdienste, vereinzelte Massenmorde melden, das “Sammeln von Namen auf Listen”, die Standorte von “Depots mit Machten und Äxten”, die Vorbereitungen für einen Genozid beobachten und die Regierungen informieren.

    • UN-Blauhelme die nicht handeln dürfen, während französische Militärberater/Geheimdienste und US-Geheimdienste Informationen an wenn liefern?

    • das beharrliche Schweigen von Kofi Annan, der für den Einsatz der UN-Beobachter und Blau-Helme in Ruanda verantwortlich ist —- und er wird später auf betreiben der USA — UN-Generalsekretär. Später zerstreiten sie sich …

    • Präsident wird mit dem Regierung-Flugzeug am Internationalen Flughafen abgeschossen, während amerikanische und französische Geheimdienste in dieser Hauptstadt operieren/stationiert sind.

    • (wie war das mit der Terror-Angst, dass US-Passagierflugzeuge von Boden-Luftraketen im Ausland, naher Osten/Afrika, abgeschossen werden?)

    • Ein Offizier (Vater war Ruander) aus dem Ausland, der das United States Army am Command and General Staff College/Kansas (USA) ausgebildet wurde und jetzt als „Oppositionsführer“ in einem Nachbar-Land Ruandas eine Armee befehligt.

    • Der Offizier erobert innerhalb von 100 Tagen Ruanda, ohne Präsident und handlungsunfähiger Regierung und Staat. (Der O. hat seit 1979 eine militärische Karriere und and diverse „Kriegen“ teilgenommen)

    • Der Offizier, „Oppositions-Führer“ wird Präsidenten. Mit über 98% der Wählerstimmen.

    Nüchtern und zynisch: Die Einfluss-Sphären haben sich zu Gunsten der USA und zur Bedeutungslosigkeit Frankreichs “Françafrique” in Ruanda verändert.
    500000 – 1000000 ermordete Menschen.

    Ein andere Florian

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  4. Marc Hinrichsen

    Kommt demnächst mal wieder ein Geschichtsunterricht oder hast du die Reihe eingestellt? DLF Nova läuft ja weiter…

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    1. holgi Beitragsautor

      Ich hatte die letzten beiden Folgen irgendwie kaputtgespeichert und wollte das unter den Teppich gekehrt haben 😉

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