WR1096 Nachgefragt bei Premium

 

“Wenn Du mal davon ausgehst, dass die Menschen grundsätzlich erstmal nicht doof sind, dann hast Du viele Probleme erstmal gar nicht”, sagt Uwe Lübbermann. Er ist Sprecher des Getränkekollektivs “Premium”, das seit fast zwei Jahrzehnten zeigt, wie man einen Konstruktionsfehler der Wirtschaft beheben kann: Einige wenige haben Macht über alle Anderen und am Ende ist der Planet kaputt, so dass niemand mehr was davon hat.

Diese Folge ist sozuagen die Fortsetzung von Folge 118 aus dem November 2011 und seitdem ist es Uwe gelungen, das Premium-Prinzip auch in viele andere Köpfe und Firmen zu tragen. Außerdem geht’s um Leergut.

30 Gedanken zu „WR1096 Nachgefragt bei Premium

  1. Igot

    Ich kaufe bei Durstexpress immer 5 Kisten Wasser. Die werden dann leer abgeholt, und in den Kreislauf gebracht.

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  2. Jonas

    @holgi Zuallererst die Themenauswahl: Ich habe vor acht Jahren noch kein Wrint gehört und von dem Kollektiv noch nicht gehört. Es ist toll, dass du diesen Leuten eine Stimme gibst. Dann dein Interviewstil: Ich fand es super, wie du es geschafft hast, Uwe herausfordernde Fragen zu stellen, aber immer im informativen Modus zu bleiben. Ich versuche selbst, Leute die unnormale Wirtschaft hinterfragen zu lassen, wobei ich es bis gestern anders genannt habe. Solche Argumentationen helfen dabei, die Idee voranzutreiben. Am wichtigsten ist für mich der Inhalt selbst: Ich zähle zu denen, die fürs Glückhaben belohnt werden. Ich stehe kurz vor einem Masterabsschluss in der Maschinenindustrie. Schon lange finde ich meine Glücksprivilegien und die unnormale Wirtschaft ungerecht und suche nach Ideen. Diese Episode hat meinen Eindruck validiert, dass es Ungerechtigkeiten gibt und mir gleichzeitig konkrete und beeinflussbare Ausprägungen gezeigt, die ich nicht gesehen habe. Ich habe Wege gezeigt bekommen, um mit kleinen Schritten aus der unnormalen Wirtschaft zu entkommen. Oft fühle ich mich auf Politik, konkret den Bundestag, zurückgeworfen, der momentan systemerhaltend funktioniert. Ich glaube an den persönlichen Aktivismus von innen mittels meiner Glücksprivilegien. Die Episode hat meinen bisherigen Lebensentwurf bestätigt und ich werde auf das Premium-Modell oder ein ähnliches hinarbeiten.

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    1. Martin

      Muss mich unbedingt anschließen!

      Ich gehöre nicht zu den Menschen, die (kapitalistisch) “Glück” hatten, dafür jedoch menschlich.
      Im Einzelhandel hab ich meinen Chef, der mich schon 8 Jahre demokratisch mit einbezieht bei allem (preisgestaltung, Werbung, Urlaub, Arbeitszeit) aber gerade im Handel haben wir beide noch nie ausserhalb des “Korsetts” gedacht, was einem beigebracht wurde. (Kredite, Kalkulation mit Gewinn, usw).

      Und ich musste mehrmals zurückspulen bei dieser Folge, weil meine Gedanken sofort immer abgeschweift sind, was das bei uns ändern könnte, wie das Lieferanten und Kunden sehen würden. Und dann hab ich mich gar nicht mehr auf das konzentrieren können was gesagt wird.

      Augenöffnende Folge, die mein Chef direkt als Tipp bekommt.

      Denn wenn wir ehrlich sind, mit dem Kapitalismus hats halt bis jetzt auch nicht soweit hingehauen, dass wir uns beide mit mehr als dem Mindestlohn bezahlen können.

      Großes Danke an Uwe und Holgi für das Informative Gespräch!

      Liebe Grüße

  3. Pascal

    @holgi Du hast nach der Theorie gefragt, wie wir dahin gekommen sind, wo wir heute stehen (in Sachen Wirtschaftssystem). Mein Eindruck ist dazu, dass man mehr verdient, um so mehr man sich selbst entmenschlicht. Ein Freund von mir hat bspw. ein Duales Studium bei Siemens gemacht, in der er zwischenzeitig einen Vortrag halten musste, weil er irgendwas besonders tolles entwickelt hatte. Zu diesen Vorträgen war dann auch der Siemens-Vorstand geladen, der kurz vor Beginn dort eintraf, von einem Zwischenmanager gebrieft wurde, was da gleich passiert, den Vortrag gehört hat und dann direkt nach dem Vortrag weiter musste, weil bereits der nächste Termin anstand. “Top-Manager”, die 80h ihrer Woche in die Profitmaximierung stecken, sind eigentlich (meiner Meinung nach) fast zu bemitleiden, weil sie (aus meiner Sicht) ihr Leben verschwenden. (Nicht umsonst sind Ehegattinen von Vorständen eine der Bevölkerungsgruppen mit der Höchsten Alkoholiker-Prävalenz). Auch so Leute wie Elon Musk oder Jeff Bezos, die eigentlich nur für die Arbeit leben gehen ja keinem “normalen” menschlichen Leben mit Familie, Freunden und einigen Hobbys nach.
    Im Kleien sieht man es ja auch bei solchen Jobs wie meinem als Softwareentwickler. Ich werde relativ gut dafür bezahlt, dass ich mit vergleichsweise wenig sozialier Interaktion 40h/Woche vor dem Computer sitze, um sinnentleert Software für Banken zu schreiben, damit diese mit weniger Leuten mehr Geld verdienen können. Aus meiner Sicht ist mein Gehalt ein Stück weit Schmerzensgeld. Wenn ich Sozialarbeiter, Erzieher oder Lehrer wäre (was ich vermutlich nicht könnte, was aber viel wichtiger wäre), hätte ich mehr soziale Interaktion und am Ende des Tages vielleicht sogar das Gefühl, das Leben eines anderen Menschen verbessert zu haben. So, wie es ist, kann ich das nur in meiner Freizeit versuchen.

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    1. Greg

      Such dir eine ehrenamtliche Tätigkeit in einem sozialen Bereich, mit niederschwelligem Zugang, also ohne professionelle Ausbildungsvoraussetzung. Vielleicht kannst du Nachhilfe geben, Kindern was vorlesen, oder für ältere Menschen Einkäufe erledigen. Das wirst du sofort als sehr befriedigend empfinden und dein aleben wird facettenreicher.

      Probier es aus, da gibt es auch Vermittlungsstellen.

      Viel Spaß!

  4. strukturorientiert

    ich hoffe, ich habe das falsch verstanden, aber der Typ sagt tatsächlich, dass er keine festangestellten Mitarbeiter hat, weil er das Rentensystem doof findet, und Vollzeit arbeitenden Mitarbeitern 3200€ monatlich auf Rechnung bezahlt, damit sich seine Mitarbeiter selbst um eine angemessene Altersvorsorge kümmern können?

    Ernsthaft? Holgi! Warum hast du das nicht hinterfragt? Das ist Ausbeutung.

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    1. holgi Beitragsautor

      Ist es nicht, denn die vermeintlich Ausgebeuteten beschließen demokratisch, unter welchen Bedingungen sie arbeiten.

    2. Slartie

      Mit demselben Argument lassen sich die Hungerlöhne für Jobs wie z.B. Altenpflege oder Kindererziehung rechtfertigen: die Leute machen die Jobs ja zu diesen Löhnen, sie könnten ja mehr fordern und wenn sie das nicht bekommen sich stattdessen was anderes suchen, tun sie aber nicht. Also sind sie wohl einverstanden.

      Die Realität ist natürlich, dass Leute Geld brauchen und die nötigen Freiheitsgrade, sich gegen einen ausbeuterischen Job zu entscheiden, hat nicht jeder. Exakt dasselbe gilt auch für Premium: wenn die Alternative ist, zu kündigen oder die Firma durch Kollektiventscheid “wir geben uns jetzt alle 100€ Stundenlohn” in Nullkommanix in die Pleite zu treiben, mit demselben Endresultat wie wenn man gekündigt hätte, dann ist der Freiheitsgrad für den einzelnen Mitarbeiter am Ende des Tages nicht größer als in vielen prekär bezahlten Berufen.

      Ich finde ebenfalls, dieser Aspekt hätte deutlich härter – bzw. überhaupt mal – hinterfragt gehört.

    3. Mithrandir

      Das hat mich auch irritiert.
      Ich bin auch Freiberufler, der auf der gleichen Basis arbeitet. Allerdings mit einem wesentlich höheren Honorar.
      Mal unabhängig davon, was man von der gesetzlichen Rentenversicherung hält.
      Die Versicherung basiert auf dem Solidarprinzip. Nämlich, dass niemand “aus Versehen” vergisst für das Alter vorzusorgen bzw. dass doch noch was da ist, wenn man sich mit der privaten Vorsorge verzockt.
      Ich finde, alle sollten in dieses System einzahlen, oder niemand. Dann könnten sich die hochverdienenden Selbständigen nicht aus diesem Thema zurückziehen und es sähe vielleicht auch besser aus, mit dem was hinten rauskommt.
      Und ja, ich werfe mit Steinen im Glashaus, weil man mir zu Beginn meiner Selbständigkeit davon abgeraten hat freiwillig in die gesetzl. Versicherung einzutreten, weil es sich nicht mehr lohne (hat mir die BfA so mitgeteilt).
      Die Leute dort scheinen mir auf dem schmalen Grat der Scheinselbständigkeit zu arbeiten (ein Thema mit dem auch ich zu kämpfen habe).
      Das Ding kann auch für die Firma schnell nach hinten losgehen. Wenn die in den Fokus der Behörden kommen und die Verträge als “Scheinselbständigkeit” gewertet werden, müssen die Ihre Mitarbeiter anstellen und die Sozialversicherungsbeiträge für die letzten Jahre nachzahlen.
      Die Amazon Fahrer und spediteure entscheiden auch freiwillig , dass sie diesen Job machen.

  5. Henry

    Die Idee ist gut, jedoch….
    Den Ansatz und den Anspruch finde ich sehr gut…. Nein jetzt kein aber.
    Vor allen Dingen der Punkt mit dem Ausprobieren von kleinen Dingen ist nach meiner Ansicht gut umsetzbar.

    Nur ein paar Dinge die mir aufgefallen sind:

    1. Die bereits thematisierte Rente. Man kann ja das System blöd finden, den Ansatz alles den “freien” ArbeiterInnen zu überlassen ist aus meiner Sicht auch keine Lösung. Im Gespräch war dann leider auch nicht die Rede davon, wie denn aus Sicht von Uwe eine vernünftige Altersvorsorge unter diesen Bedingungen möglich ist.

    2. Die Einlassung von Uwe “ich habe 7 Jahre keinen Cent verdient” ist auch so ein Punkt jenseits der Realität. Wovon hat er denn gelebt? Ist er Erbe, hat er so hohe Ansparungen aus unfreier Arbeit gehabt oder hat er von dem ihm so unsympathischen Sozialsystem gelebt?

    3. Es ist keine Rede von der Produktion der Getränke. Sein Idealbild beschreibt immer das Orga-Kollektiv was mit Sicherheit nicht die Flaschen abfüllt. Wie ist die Organisation in der Produktion und gibt es dort auch keine Angestellten etc.?

    4. Offenbar kann man von der Orga-Tätigkeit nicht alleine leben, sonst würden wie erwähnt vermutlich einige Kollektivisten nicht noch andren Tätigkeiten nachgehen. Die spannenden Frage ist: Arbeiten sie dann auch in einem Kollektiv oder unter unnormalen Umständen?

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    1. uwe

      moin 🙂 ein paar antworten:
      1. die menschen bei uns machen altersvorsorge ganz unterschiedlich, so wie sie jeweils wollen. manche zahlen häuser oder wohnungen ab, manche spekulieren mit aktien (orrr, aber deren entscheidung), manche sparen einfach, manche bauen selbstversorgungs-strukturen, oder mehrere dinge zugleich.
      2. wovon hab ich gelebt? na von arbeit! als übersetzer zb, an einer uni dinge organisiert, so sachen halt. der premium-aufbau war zu beginn zeitlich nicht so umfangreich, zum schluss hab ich praktisch zwei vollzeitjobs gehabt, und davon war einer halt noch ohne bezahlung / am ende einer langen aufbauphase, die sich aber gelohnt hat. und ich hab auf 23 qm gewohnt, hatte also geringe kosten.
      3. die produktion bis 2019 hat sich nach eigenen aussagen viele aspekte unserer arbeitsweise abgeguckt, aber ohne anstellungen gehts da nicht, die haben ja einen festen ort und müssen anweisungen geben. anfang 2019 ist der betrieb dann spontan umgezogen und mit einem anderen zusammengegangen, da müssen wir praktisch von vorne anfangen mit dem wandel. zwingen können und wollen wir niemanden.
      4. niemand soll insgesamt mehr als 40 wochenstunden arbeiten, aber möglichst auch nicht abhängig werden von einer einzigen geldquelle. deshalb arbeiten manche teilzeit bei uns und teilzeit woanders, für andere kunden die konventioneller sind, als angestellte in anderen kollektiven, oder als angestellte in konventionellen betrieben mit guten chef_innen. alle modelle haben ihre vor- und nachteile, und alle kombinationen haben ihre vor- und nachteile. das gesamtpaket muss halt individuell passen.

    2. dnns01

      Mich würde an der Stelle mal interessieren, was deine Kritik an der Rente ist. Das sie in der aktuellen Ausprägung nicht gut funktioniert, darüber braucht man glaube ich nicht diskutieren. Aber es gibt ja mit Österreich nach meiner Kenntnis ein Beispiel, bei dem die gesetzliche Rente viel besser funktioniert.

      Vielleicht hab ich das beim Hören des Podcasts überhört, oder es kam zumindest in dieser Ausgabe nicht vor, aber wie sind denn die Unterschiede zwischen Produktion und Orga? Also was ist die Trennung?

  6. Slartie

    Das Problem der Scheinselbstständigkeit löst Premium wohl, indem sie mit zwei anderen “engen Kooperationspartnern” die Leute beauftragen: https://www.mopo.de/hamburg/die-hamburger-cola-kommune-hier-darf-jeder-kunde-mitentscheiden-31252128

    Je länger ich mir das anschaue, desto mehr wirkt dieses Premium-Modell auf mich wie die gute alte Ausbeutung aus der “unnormalen Wirtschaft”, wie Uwe es so schön nennt, nur eben gekleidet in ein vor Sozialromantik triefendes Kostüm.

    Rechtsverbindlich Verantwortung für die Angestellten übernehmen, indem man ihnen die üblichen Leistungen der Sozialversicherung, Kündigungsschutz, bezahlten Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zukommen lässt? I wo, wo kämen wir denn da hin, dann könnten wir ja nicht mehr mit 3200 Euro eine Vollzeitstelle finanzieren! Ach guck mal, die olle “unnormale” Wirtschaft hat ne schicke Lösung dafür, wir stellen die einfach alle als freie Unternehmer an!
    Wie, da könnten wir Probleme mit Scheinselbstständigkeit kriegen? Lass uns doch mal bei der “unnormalen” Wirtschaft gucken, die hat bestimmt ne Lösung…ah, mehrere Auftraggeber, die formell getrennte Unternehmen sind, hintenrum aber eng verbandelt. Genial, das können wir auch! Lass uns den Kram einfach anders nennen, fällt schon keinem auf…

    Bezüglich des Einheitslohns scheinen auch einige “gleicher” als andere zu sein: die Vertriebler (die natürlich nicht so heißen, aber effektiv genau das sind) bekommen offenbar eine klassische Verkaufsprovision abhängig von der Anzahl umgesetzter Flaschen. Ich kann mich nicht erinnern, dass das im Gespräch zur Sprache kam – offene Kommunikation endet wohl da, wo die eigenen Inkonsequenzen zu Tage treten würden.
    Die Arbeitgeberbewertungsseite Kununu hält aber neben dieser Info noch einige weitere interessante Wortmeldungen von Ex-Mitarbeitern parat und ist für den kritischen Betrachter durchaus einen Blick wert: https://www.kununu.com/de/premium-cola/kommentare

    Es mag ja durchaus sein, dass es in diesem Fall zumindest keinen Inhaber der Firma gibt, der sich mit dem Überschuss die eigenen Taschen vollstopft (wobei formell ja nun mal ein Inhaber in Form von Uwe existiert, und auch wenn er sich nicht mehr als den Einheitslohn zahlt, haben Markenrechte sowie ein laufendes Unternehmen durchaus auch nicht unbeträchtlichen immateriellen Wert). Das macht die Beschäftigung von (potenziell scheinselbstständigen) Mitarbeitern für einen (für die Verhältnisse von Selbstständigen) sehr niedrigen Bruttolohn, von dem nach Abzug aller selbst zu zahlenden Versicherungen sowie der nötigen Rücklagen für Alter, Krankheit, Urlaub, Weiterbildung nicht viel mehr als Miete und Grundsicherung übrig bleibt, aber weder moralisch noch für die Mitarbeiter im Ergebnis irgendwie besser. Wenn das Unternehmen nicht in der Lage ist, den Leuten entweder deutlich mehr zu zahlen, oder zumindest die Vollzeit-Kräfte für diesen Lohn einfach ganz regulär anzustellen, dann sollte es vielleicht einfach nicht existieren – genau wie die ganzen anderen Ausbeuter-Betriebe, die über Sub-sub-subunternehmer Arbeitskräfte “beschäftigen” um sich um diverse Verpflichtungen einer normalen Anstellung herumzudrücken, oder die hippen Start-Ups, die ein Heer von “selbstständigen” Gig-Workern die dreckige Arbeit machen lassen, selbstverständlich zum niedrigstmöglichen Preis und ohne jegliche Absicherungen, das wär ja nur teuer. Auch die sollten in einer idealen Welt besser nicht existieren, damit andere Unternehmen, die keine Gesetzeslücken ausnutzen müssen, um ihre Mitarbeiter maximal zu benachteiligen, die freiwerdende Nachfrage bedienen und dabei sowohl den angestrebten Mehrwert als auch zufriedene, gut abgesicherte und gut bezahlte Mitarbeiter “schaffen” können. Solche Unternehmen gibt’s nämlich durchaus auch in der “unnormalen Wirtschaft” – ich arbeite seit zehn Jahren für eins davon.
    Wir müssen die Bedingungen für ordentliche und fair agierende Unternehmen verbessern und die Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Ausbeutung bekämpfen, nicht diese Ausbeutungssituationen noch weiter zementieren, indem man die Ausbeutung einfach kollektivistisch organisiert und allen Dingen schöner klingende Namen gibt.

    Auch die Tatsache, dass die Leute im “Kollektiv” ihre eigenen Arbeitsbedingungen gemeinsam festlegen, hilft letztlich nicht, denn wie gesagt: am Ende des Tages bleibt dem Einzelnen auch da nicht viel anderes übrig, als den prekären Bedingungen zuzustimmen (Geld für bessere ist ja scheinbar nicht da, und auf Wachstum legt man nach eigener Aussage ja nicht so viel Wert, es ist also nicht absehbar, woher mehr Geld für bessere Bedingungen kommen sollte) oder zu “kündigen” – und das sind perfiderweise im Effekt genau dieselben Möglichkeiten, die der Putzkraft, der Kindergärtnerin oder dem Altenpfleger zur Verfügung stehen. Kann man sich das Kündigen nicht leisten, stimmt man halt notgedrungen und zähneknirschend zu, redet sich die Situation vielleicht noch schön damit, dass man ja selbst “mitbestimmt” hat und steht am Ende doch nur mit einem schlecht bezahlten Job da. Eine Vision einer besseren Wirtschaft stell ich mir irgendwie anders vor…

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  7. Henry

    Hallo Uwe,

    wollte Dir direkt antworten, der Link fehlt aber…

    Erst mal vielen Dank für die schnelle und ausführliche Antwort. Macht einiges für mich nachvollziehbarer, dennoch bleibt bei mir gehörige Skepsis.
    Das Verschieben der Renten/Vorsorge-Problematik auf das Individium rückt Deine Haltung nach meiner Meinung mehr in Richtung FDP als Du vermutlich selber willst oder Dir eingestehen kannst (s.a. Kommentare oben).

    Warum ist denn das Kollektiv-Konzept nur auf die Orga anwendbar und wieso geht es nicht ohne Anstellung und Anweisungen in der Produktion? Das mittlere oder obere Management auf so ein Modell umzustellen ist bestimmt ein Anfang, den Produktionsaspekt empfinde ich wesentlich spannender und herausfordernder. Versteh mich nicht falsch, ich habe großen Respekt vor euerem Mut Dinge anders anzugehen, überzeugt haben mich Deine Ausführungen bisher nicht.

    Btw. Dein mehrmaliges Kokettieren mit der Phrase “ich bin ja so ungebildet” empfand ich überflüssig und ausweichend.

    Ciao Henry

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  8. uwe

    moin henry 🙂

    zur altersvorsorge: ich glaube, dass wir ein gesamtgesellschaftliches system dafür brauchen, überhaupt keine frage. in das müssen alle einzahlen so wie sie können. und es muss so gestaltet sein, dass es am ende auch für alle trägt. all das ist momentan nicht der fall, deshalb glaube ich persönlich nicht daran. die verschiedenen methoden der altersvorsorge bei uns sind aus meiner sicht das ergebnis des fehlens eines guten gesellschaftlichen systems. was sollen wir tun, trotzdem einzahlen, anderweitig vorsorgen, beides tun, oder nichts?

    die frage nach den richtigen sozialsystemen (dass wir sie brauchen steht für mich außer frage) ist aus so vielen blickwinkeln zu betrachten, dass es schon kompliziert ist. manche von uns sind zb aus “notwehr” von der gesetzlichen in die private krankenversicherung gegangen, weil erstere ihnen plötzlich das halbe monatliche einkommen abgebucht und nicht zurückgegeben hat oder weil die beiträge mit steigendem lebensalter immer weiter angehoben wurden. wollen wir eine finanzielle zweiklassengesellschaft in der krankenversicherung? sicher nicht. verstehe ich menschen, die wegen solcher aktionen von einem system in ein anderes wechseln? ja. sozialversicherungen sind grundsätzlich eine sehr gute sache. die umsetzung ist halt oft großer mist. da müssen wir ran, dann gibt es auch weniger alleingänge in allen systemen.

    produktion: wenn du menschen arbeitsorte und zeiten (durch den ort der maschinen nicht anders möglich) sowie anweisungen gibst (musst du, mit doku, im sinne der lebensmittelsicherheit), dann bist du gesetzlich in der pflicht, diese menschen auch formal anzustellen. das ist auch sinnvoll so, du nimmst ihnen ja viele möglichkeiten der eigenen lebensgestaltung, da muss dann schon etwas (oft auch nur vermeintliche, sehen wir ja in der corona-krise) sicherheit über einen arbeitsvertrag her. natürlich wollen wir, dass unsere partner-unternehmen sich möglichst frei und möglichst sozial mit den menschen verhalten. was meinst du, wie oft wir dazu im austausch stehen. nur: die möglichkeiten sind einfach nicht überall vorhanden. getränkelieferungen finden mit lkw statt (die bahn will nur komplette waggons verkaufen, und wir haben keinen gleisanschluss), für lkw gelten vorschriften, für fahrer:innen gelten lenkzeiten, und und und. weniger möglichkeiten. klar kann man trotzdem viel machen, und das tun nicht nur wir. ich geb dir gern mal ein paar kontakte wenn du die partner:innen fragen möchtest, wie sie die zusammenarbeit mit uns erleben. was menschlicher geht, machen wir. die produktionsbetriebe entscheiden zb selber wann sie produzieren und auch die menge weitgehend selber statt von uns bestellungen zu bekommen, die speditionen entscheiden auch grob selber wann sie fahren, beide entscheiden was sie dafür berechnen und da wird von uns nicht rumverhandelt usw usf … das ist schon ein erweitertes kollektiv, in dem vieles geht. manches geht halt nicht.

    soweit, es grüßt

    u)

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  9. Knut

    “manche von uns sind zb aus “notwehr” von der gesetzlichen in die private krankenversicherung gegangen, weil erstere ihnen plötzlich das halbe monatliche einkommen abgebucht und nicht zurückgegeben hat oder weil die beiträge mit steigendem lebensalter immer weiter angehoben wurden.”

    Beitragssteigerungen im Alter, nämlich dann, wenn man die Versicherungen wirklich braucht, sind doch das Geschäftsmodell der Privaten?
    Welchen Vorteil sollte eine private Versicherung haben, die aus den Beiträgen der Versicherten neben den Leistungen auch noch die Gewinne der Aktionäre generieren muß, gegenüber der gesetzlichen? Kann hier jemand Mathe?

    Selbiges gilt natürlich auch für die Rente.

    Der Pispers hat uns schon vor Jahren vorgerechnet, dass man bei der gesetzlichen pi mal Daumen 2500 € verdienen muss, 40 Jahre lang, um eine Rente auf Grundsicherungsniveau zu haben. Grundsicherung, für die, die damit nix anfangen können, ist in etwa Hartz4 Niveau.
    Eure aufgerufenen 3200 klingen da nicht mehr so prall, wenn man sich vor Augen führt, was davon an Steuern etc noch abgeht. Und der private Rentenversicherer auch noch die Hand aufhält. Ich hätte das gern mal von jemandem durchgerechnet, was am Ende des Tages überbleibt ..

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    1. uwe

      … ich sag doch, das rentensystem das wir jetzt haben ist mist 🙂 und zu den krankenversicherungen: es war tatsächlich die gesetzliche, die so hart hingelangt hat (und auch keinen cent zurückgeben wollte, bzw erst ab antragsdatum). nicht die private, von der ich das eher gedacht hätte. warum? offen gesagt keine ahnung.

      was ich weiß: die 3200 brutto sind auch nach steuern und versicherungen locker genug zum leben und vorsorgen, auch wenn man in hamburg wohnt (all das tue ich ja, für mich gilt der gleiche lohn). wer kinder hat bekommt zuschläge pro kind, wer angehörige pflegt ebenso, arbeitsplatzzuschlag usw, das hat schon hand und fuß. es wurde ja gemeinsam beschlossen. wir werden noch einen mietenwahnsinnszuschlag bekommen, das wette ich, treibe es aber nicht voran weil ich davon “profitieren” würde in hamburg.

      evtl für dich spannend: 2017 hatten wir mal einen kleineren umsatzwegfall, ein paar prozent, weil das fusion-festival ein jahr pause gemacht hat. mein vorschlag war, dass wir pro person und monat ein neues cafe als kunden überzeugen, um den wegfall auszugleichen, damit wir bei den damals 20 euro grundlohn pro stunde bleiben können. das wurde mit drei vetos abgelehnt, weil die leute dann ja ziele bei der arbeit erreichen müssten. ja klar 🙂 aber wir müssen das geld das wir auszahlen auch vorher einnehmen. wir können uns natürlich entscheiden nichts zu tun, dann müssen wir aber wahrscheinlich auf 18 euro pro stunde gehen. jo. das war dann der konsens. die leute haben sich also selbst noch den lohn reduziert, was aus meiner sicht ein klares signal dafür ist, dass er auch mit 18 euro grundlohn ausreichend hoch ist.

      🙂

  10. ND

    * Bei der Rente und nur 3000 Euro bin ich auch stutzig geworden. Wie konkret der einzelne fuer die Rente sparen kann, wuerde mich interessieren. Ein Haus kaufen geht eher nicht. Ist aber nur eine Anmerkung, weil das Patentrezept vermutlich nicht mehr funktioniert, wenn es alle machen und dadurch doch wieder moeglich wird von unanstaendigen Menschen dagegen zu wetten.

    * Ich mag den Gedanken, dass es eine ideale Firmengroesse gibt. Faend es interessant, wenn mal jemand eine Auswertung macht wie solide die verschiedenen Laender dastehen, bzw. wieviele und welche Firmen ueber- oder untergross sind.

    Es fiel der Satz “Die Umweltbilanz von Glasmehrweg funktioniert nur bei weniger als 600km Entfernung”.

    a) Das moechte ich besser verstehen. Ist das jetzt, die Sicht des Getraenkeherrstellers, der Flaschen ueber 600km nicht zurueck bekommt ?

    b) Stimmt die Annahme, dass bei ueber 600km Plastikmehrweg eine bessere Umweltbilanz hat als Glasmehrweg ? Wenn ja, warum??

    c) Oder ist es so, dass bei ueber 600km man den Mehrweg auch weglassen kann, weil ‘garnichts’ funktioniert ?

    Und noch ne ganz andere Frage:
    d) Waere eine Sirupverteilung fuer Premiumcola etwas ? Ich stell mir vor, dass waere so etwas wie die Abfuellung sehr zu dezentralisieren. Und wenn es keine Kleinabfueller gibt, dann jeder daheim mit seinem Sodastream.

    Antworten
    1. hilti

      Die bessere Umweltbilanz weiterer Entfernung liegt am höheren Gewicht der Glasflaschen im Vergleich zu den Plastikflaschen. Den Unterschied hat man früher als es noch Cola in 1l Glasflaschen und 1,5l Plastikflaschen gab selbst gut merken können. Brauch beim Transport dann halt entsprechend mehr Sprit.

    2. uwe

      moinsen …

      “ein haus kaufen geht eher nicht” -> einige von uns zahlen wohnungen oder häuser ab, das geht schon. ich hab mal zwei verglichen von denen ich weiß: die relation kaufpreis zu monatsrate scheint ohne eigenkapital bei ungefähr 375 zu liegen, d.h. für 1000 euro monatsrate kannst du 375.000 euro kaufpreis finanzieren, für 1100 euro sind es 412.500 euro usw, das geht also durchaus. einige von uns sorgen so vor, andere wollen kein eigentum oder leben in einer mischform wie zb syndikat.org

      die transportentfernung stammt aus einer (zugegeben, elf jahre alten) ökobilanzierung die wir uns mal geleistet haben. das gewicht der flaschen spielt eine rolle, die lebensdauer und weitere verarbeitung und recycling waren auch faktoren. die fahrzeuggröße scheint auch eine rolle zu spielen, in einer aktuellen masterarbeit stand drin dass kleine lkw deutlich höhere emissionen haben als große. das thema ist leider sehr komplex, einfache antworten sind selten.

      sirup: das fertige getränk würde überall anders schmecken, je nachdem welches wasser du verwendest. unser sirup bisher muss sehr fein dosiert werden, etwa 1:250, das können nicht viele benutzer_innen. es wäre also ein komplett neues produkt, mit separaten flaschen usw usf. da haben wir uns bisher offen gesagt nicht rangetraut, bzw die idee gab es schon oft, aber niemand hat sie bisher ernsthaft verfolgt.

      soweit, es grüßt

      u)

  11. Dave Remmel

    Die Frage die sich mir vor allem stellt ist, diejenige, die Holgi auch schon gestellt hat: Wie lässt sich das System auf die Wirtschaft anwenden…

    Oder anders formuliert: Skaliert das Ganze??? Würde das auch in einem Industrie-Konzern mit 50.000 Mitarbeitern funktionieren?

    Und noch eine Frage: Wie kann man bei Euch mitmachen?

    lg, Dave

    Antworten
  12. uwe

    moin 🙂

    skalierung: wir sagen ja nicht, dass unser ansatz der einzig wahre wäre, oder dass er 1:1 auf alle (auch größere) unternehmen skalieren würde. aber: wer menschen mit wertschätzung und respekt behandelt, bekommt fast immer ähnliche reaktionen zurück. nicht sofort und nicht von allen, aber dann doch von den meisten. das geht überall. weiter: wer alle betroffenen von entscheidungen und deren wissen, erfahrungen und perspektiven mit einbezieht, kann schon auf der grundlage klüger entscheiden als jemand oder eine organisation die das nicht tut. usw usf – also: die frage ist aus meiner sicht nicht, wie man unser system auf konzerne anwenden kann, sondern welche teile davon wo und wie ggf angepasst.

    mitmachen: wir können uns absehbar leider keine neuen jobs leisten, dank corona :/

    es grüßt

    u)

    Antworten
  13. uwe

    … das ist nett, aber wir wollen mitmachen bezahlen 🙂

    und wir würden natürlich jemanden brauchen, der dich einarbeitet. auch im moment eher schwierig. würdest du dich in zb drei monaten nochmal rühren?

    Antworten
  14. robert

    Hallo,

    auch wenn es etwas spät kommt, vielen Dank für diese Folge. Ich bin Mitglied eines Studierendenvereines, der ein Café betreibt und muss sagen, dass Premium-Cola eines der meistverkauften Produkte (neben der Mate des Dresdner Kollektivs) ist. Von daher war diese Folge sehr informativ für mich und ich habe sie auch gleich im Verein weiterempfohlen.

    Habe somit auch erfahren, dass das Dresdner Kollektiv auch seit neuesten eine Kirschlimo anbietet, die somit auch gleich bei der nächsten Bestellung mit auf der Liste steht 🙂

    Antworten
  15. Philipp

    Hallo Uwe,

    mich würde ja brennend interessieren, wie das Premium-Modell auf die Technologiebranche anwendbar ist. Insbesondere dort, wo große Investitionen anfallen und man auch einen langen Atem braucht, um von einer Idee zu einem Produkt zu kommen.

    Ein erster Versuch wäre ein Software-Kollektiv – vllt. auch mit dem Ziel, ein Finanzierungsmodell für Open Source Software zu finden. Gerade in der Software-Industrie gibt es etliche helle Köpfe, die ziemliche Bullshit-Arbeit leisten müssen und es meistens noch nicht mal wollen – aber wo dann doch das Gehalt sehr verführt. Wenn dort jemand ein nachhaltiges Geschäftsmodell findet, um gute Endkundenprodukte (Grafikprogramme, Schreibprogramme etc.) zu schaffen, die offen und frei von Überwachung- und Marketingbullshit sind, wäre das natürlich ein Traum.

    Mir fehlt nur bis heute überhaupt ein Ansatzpunkt…

    Philipp

    Antworten

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