WR1423 Behinderte Menschen und Werkstätten

Vor einigen Wochen ist kurz mal das Thema Behindertenwerkstätten hochgekocht – und war so schnell wieder weg, dass ich nichtmal wirklich Gelegenheit hatte, zu kapieren, was das eigentlich genau ist.

Also habe ich Raul Krauthausen gefragt, denn der kennt sich aus, weigert sich, über seine Behinderung zu sprechen, stellt die Mandatsfrage und hat mir nebenbei nochwas beigebracht über Förderschulen, Architektur, die Schonraumfalle, die Fläming-Grundschule, zieldifferenten Unterricht und Länder, in denen besser läuft als bei uns.

Die erwähnte Bertelsmann-Studie und von der HU über das Budget für Arbeit.

Raul hat auch einen Newsletter.

9 Gedanken zu „WR1423 Behinderte Menschen und Werkstätten

  1. Benjamin

    Hallo,
    Danke für das Thema. Es ist etwas das mich auch schon beschäftigt hat ich bisher aber Öffentlich nie wirklich was drüber gehört habe. Leider fand ich den Inhalt über Behindertenwerkstätten selber etwas zu knapp. Da gibt es noch einiges mehr drüber zu Erzählen denke ich.
    z.B. gibt es, zumindest bei der Lebenshilfe, die Unterscheidung zwischen Mitarbeiter und Personal, wobei Insassen und Aufseher wohl treffender wäre. Mitarbeiter sind alle Personen mit Behinderung und Personal die ohne. Die Aufgaben sind unglaublich Langweilig und Monoton, Schrauben in Lüsterklemmen einsetzten. Werbeblätter zusammenstellen und Gummipuffer auf irgendwelche Autoteile kleben. Die meisten Mitarbeiter haben meiner Erfahrung nach Überhaupt keinen Bock darauf und wollen da weg. Das Personal ist Hauptsächlich dafür da, dafür zu Sorgen das weitergearbeitet wird und den Mitarbeitern einzureden das sie sowieso keine Alternative haben. Damit die Produktionsquoten erfüllt werden müssen auch alle Mithelfen. Viele FSLer kommen da hin um Soziale Arbeit zu machen dürfen dann aber den ganzen Tag Schrauben in Lüsterklemmen einsetzten.
    Keiner stellt da die Frage nach Lebensglück und persönlicher Erfüllung. An der Einrichtung die ich kenne waren ein Großteil schwer mehrfach Behinderte. Die hatten schon genug Probleme überhaupt die Zeit da Abzusitzen, ich habe mich immer Gefragt was das soll so jemand zum Arbeiten zu zwingen. Es sollte viel mehr die Frage nach gesellschaftlicher Teilhabe als nach Produktivität gestellt werden.

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  2. hier könnte ihre werbung stehen

    Moin,
    ich lebe in einem Ort der im Umland die “Ballerburg” der Region genannt wird. Mehrere Anbieter von Werkstätten sind hier vertreten und arbeiten für ein Autowerk, einen Windkraftanlagenproduzenten, verpacken Teebeutel in Pappkartons für eine niederländische Supermarktkette, bieten Gartenbau mit Baumschule usw usf. Wenn die Quoten nicht erreicht werden, wird dies durch studentische Hilfskräfte der umliegenden Standorte der Hochschulen und FHs aufgefangen- diese arbeiten dann für einen realen Lohn (ein vielfaches der regulären Arbeiter).
    Ein Wohnheim für geistig- und psychisch Behinderte zB produziert Kerzen, Taue, Leuchttürme und Holzrobben für Touristen- diese sind nicht sehr günstig und die Arbeiter bekommen für ihre 32 Stunden Arbeit in der Woche ein paar Cents die Stunde- da das ganze als Arbeitstherapie gilt. Im heimeigenen Kiosk kann dann Duschzeug und andere Konsumgüter gekauft werden- zu einem 3-5fachen Preis als beim Discounter wo es eigentlich herkommt.
    Mir kam im Gespräch nicht hinreichend vor, wie totalitär diese Werkstättenregime sind (ähnlich wie Gefängnisse, Psychiatrien usw)- Übergriffe gibt es immer wieder. Das oben beschriebene Heim gehört zu einem großen Anbieter, welcher nun mehrfach den Namen wechselte- in den Einrichtungen kommt es wieder zur körperlichen Misshandlung der Insassen. Solche Systeme ziehen halt auch Menschen mit entsprechender Disposition an. Gelegenheitstäter, welche sich ein Umfeld suchen das genug Gelegenheit bietet.
    Ein durch und durch abstossendes System- sehr deutsch auch meiner Meinung nach.
    Liebe Grüße

    ps: Ich find, das Gespräch mit Raul war super. Wäre doch was für ein regelmässiges Format 😉

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  3. Abkueko

    Danke für den Beitrag. Habe mit undifferenziertem Geschimpfe gerechnet und bin positiv überrascht.

    Hinsichtlich der “Behindertenwerkstätten”/WfbM würde ich gern ein paar Informationen hinsichtlich psychische Erkrankungen und Werkstätten hinzufügen:
    Ich arbeite vornehmlich mit an Schizophrenie erkrankten Patienten, die zusammen mit den Intelligenzgeminderten sehr oft in den Werkstätten vertreten sind. Regelmäßig muss ich meine Patienten in derartige Werkstätten schicken – einfach weil man seit Ewigkeiten verpennt eine gute Lösung zu schaffen.
    Die meisten meiner Pat. stehen vor dem Problem keine verwertbare berufliche Qualifikation mitzubringen und aufgrund der Krankheit nur sehr eingeschränkt sind eine reguläre Berufsausbildung zu absolvieren. Die Konzentrationsfähigkeit ist genauso wie die Belastbarkeit reduziert. Vielen fällt es etwas schwerer sich auf neue Tätigkeiten einzulassen. Aber an sich sind sehr viele meiner Patienten in der Lage die Arbeiten als solches auszuführen und bräuchten grundsätzlich keine Werkstatt. Nur fordert der reguläre Arbeitsmarkt zu viel. Rücksichtnahme auf die Erkrankung kann man nicht einfordern und eine ggf. erforderliche Betreuung (manche bemerken ihre Belastungsgrenzen nicht eigenständig) liegt nicht vor. Gleichzeitig darf der Leistungsdruck nicht zu hoch sein – was gerade bei Jobs für Geringqualifizierte fast überall der Fall ist.
    Ich habe also jede Menge Patienten die ein Stück zu schwach für reguläre Jobs sind und muss die dann in die Ausbeutung in Werkstätten schicken, die weit unter deren Möglichkeiten liegen. Einfach weil es die klassischen Helferjobs so wie früher nicht mehr gibt.

    Diese Lücke wird seit Jahrzehnten nicht geschlossen. Es gäbe eine Menge Möglichkeiten über Betriebe die Ausgleichzahlungen für die geringere Arbeitsleistung bekommen oder soziale Betriebe die eine qualifizierte Betreuung stellen aber gleichzeitig reguläre Tätigkeiten bieten können. Nur genau darum kümmert man sich seit Jahrzehnten nicht. Das Thema interessiert aus der Branche leider kaum.

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  4. T.Jay

    Ich finde, der öffentliche Diskurs hinsichtlich der Inklusion von Menschen mit Behinderung krankt schon am Begriff der “Behinderung” selbst, der die Funktion hat, unterschiedlichste Problemlagen von Menschen in eine Schublade zu stopfen.
    Ein gängiges mediales Bild eines Menschen mit Behinderung ist entweder jemand, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, jemand der Blind ist oder auch das Downsyndrom hat.
    Menschen mit frühkindlicher Gehirnschädigung, welche in ihrem erwachsenen Leben weiterhin eine geistige Behinderung besitzen, sind meines Erachtens medial schon deutlich unterrepräsentiert.
    Und selbst die sprachliche Präzisierung der Behinderung, auf “geistige Behinderung” ist weiterhin völlig unzureichend und sagt über die individuellen Einschränken wenig aus.
    Diesen kleinen Einwurf wollte ich mal vorneweg schicken.

    Ich finde viele Ansätze von Herr Krauthausen prinzipiell sehr gut.
    Zum Beispiel, dass die Werkstätten einen monetären Anreiz erhalten könnten, Menschen langfristig in Arbeit außerhalb der Werkstätten zu vermitteln. Oder das Prinzip der Förderschule in Frage zu stellen, bzw. darauf hinzuweisen, dass eine solche Schulform auch das individuelle Lernpotential nicht in der Lage ist auszuschöpfen. Auf der anderen Seite kann ich mir dennoch nicht vorstellen, wie einige Menschen mit schwersten geistigen Einschränkungen, gepaart mit Auffälligkeiten wie, zwanghaften Schreien und dem grundlegenden Missachten von Grenzen anderer, in Klassen einer normalen Schule inkludiert werden könnten. Ich gehe davon aus, dass ja völlige Inklusion solche Konstellationen mit einschließen soll ..(?)

    Und leider stößt mir die Wortwahl von Herr Krauthausen vielfach auf.
    Zum Beispiel, wenn er von “Wohlfahrtsindustrie” spricht oder jemanden, der gerne in der Werkstatt arbeitet, das Stockholmsyndrom nahe legt. Letzteres ist zudem ein Totschlagargument und nur wer ein unzufriedener Werkstattbesucher ist, liegt mit seiner Einschätzung richtig. Ich finde das auf diese Weise oft ein zu düsteres Bild erzeugt wird, dass den Werkstattbesuchern und der Menschen die sich um sie kümmern, ungerecht wird.

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  5. Sven

    Schon häufig habe ich mich über Äußerungen über die Performance der BA oder die Jobcenter geärgert – und das, obwohl es sicherlich auch hier ganz viel zu kritisieren gibt. Jetzt muss ich mich doch einmal melden, weil Raul ein paar Dinge sagt, die so nicht stimmen und (so zumindest mein Eindruck) in manchen Fragen ein verzehrter Eindruck entsteht – und das in einem Bereich, indem sich die Betroffenen (wie Raul richtigerweise auch festhält) zu selten selbst in der Öffentlichkeit zu Wort melden.

    Woran ich mich besonders stoße, ist die Aussage, dass die Arbeitsvermittlerinnen aus Unkenntnis behinderte Menschen in die Werkstätten schicken. Ich denke, da Raul ja selbst als Inklusionsbotschafter für die Bundesagentur für Arbeit fungiert, sollte er hier besser informiert sein. Werkstätten sind die Ultima Ratio für Betroffene, die absolut keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt haben – Für Menschen, die selbst bei Übernahme aller Lohnkosten keinen Arbeitgeber finden, der sie einstellt. Die Vorstellung, dass die Betroffene einfach nur eine Förderzusage von 1200€ brauchen und dann würde sich ein Markt von alleine bilden, ist falsch, da den Betroffenen bereits jetzt schon deutlich höhere Förderzusage gegeben werden – dennoch hat sich hier kein Markt gebildet. Selbst die von Raul aus Schweden angepriesen Variante der Teilhabe ist bei uns jetzt schon Realität, nicht nur für behinderte und schwerbehinderte Menschen, sondern für alle Langzeitarbeitslosen. Die gesetzliche Grundlage dafür ist der Paragraph 16i. Leider finden sich auch bei vollständiger Übernahme der Kosten nicht genug Arbeitgeber, die die Betroffene einstellen. Im Sommer ging ein grosses Raunen durch die Medien, weil das Finanzministerium das Budget dafür gekürzt hat – auch Du hast Dich darüber aufgeregt. Was dabei leider übersehen wurde: Die Gelder wurden in der Vergangenheit nicht ausgeschöpft, deswegen würde der Betrag lediglich auf den tatsächlichen Bedarf angepasst. Das vorgeschlagene Modell von Raul würde demgegenüber eine massive Kürzung bedeuten.

    Auch zur von Raul angesprochenen Beratungsqualität muss ich etwas sagen: Vielleicht sollte man sich ersteinmal vor Ort mit einer der in (fast) jedem Jobcenter vorhandenen Spezialisten für schwerbehinderte Menschen unterhalten – dass sind Menschen, die sich ganz offensichtlich deutlich besser mit der Materie auskennen, weil sie teilweise seit Jahrzehnten täglich mit und für die Betroffenen arbeiten. Diese sind eingebunden in ein sehr weitreichendes Netzwerk um tatsächlich ganz individuell die beste Lösung gemeinsam mit den Betroffenen zu erarbeiten. Und entgegen der (aus meiner Sicht) wirklich übergriffigen Äußerung von Raul, dass die Betroffene ja nur zufrieden in den Werkstätten sind, weil sie es nicht besser wissen würden (“Stockholm-Syndrom”) entscheiden diese Spezialisten nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg, sondern beraten mit Fachwissen und Erfahrungen und suchen gemeinsam mit den Betroffenen und einem großen Netzwerk nach den besten Lösungen. Die Zufriedenheit der Betroffenen mit den Werkstätten entspringt daher nicht dem Stockholm-Syndrom, sondern der Tatsache, dass für genau diese Betroffenen die Werkstätten die beste Lösung sind. Wie kann man so überheblich sein, den Betroffenen ihre eigene Wahrnehmung abzusprechen?

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    1. Abkueko

      Hast du eine Idee warum genau die besagte Betriebsintegration über die Förderungen scheitert?

      Ich habe mich mal oberflächlich durch die Fördermöglichkeiten geschaut und vermute da ein strukturelles Problem, aber vielleicht übersehe ich da was.
      Von der Abreitsagentur werden vornehmlich irgendwie geartete Hilfen für die Eingliederung gezahlt bzw. Assistenzen. Vieles davon klingt gut bei körperlichen Erkrankungen, jedoch unzureichend bei psychischen Erkrankungen. Es scheint einfach zu sein Fördermittel für eine Umgestaltung des Arbeitsplatzes zu bekommen, nur finde ich keine Förderung wenn man jemanden beschäftigen möchte der dauerhaft nur eine verminderte Leistungsfähigkeit hat. Also eine Kompensation wenn jemand nur halb so schnell arbeiten kann. Oder übersehe ich da was?

  6. Sven

    Übersehe ich da was?

    Dauerhaft ist es nicht zielführend jedwede Person auf jedweden Arbeitsplatz zu setzen und einfach durch die Gesellschaft die fehlende Wertschöpfung auszugleichen. Es macht mMn eher Sinn, für jede Person (egal ob behindert oder nichtbehindert) den passenden Arbeitsplatz zu finden und eine dauerhaft tragfähige Beschäftigung zu fördern. Eine dauerhafte Alimentierung ist das Gegenteil von Wertschätzung. Bei Arbeit geht es ja nicht nur um bezahlten Zeitvertreib, sondern um Selbstverwirklichung und Respekt und den gesellschaftlichen Nutzen der individuellen Fähigkeiten jedes Einzelnen. Personen, bei denen es lediglich um die finanzielle Absicherung des Lebensunterhalts geht, bräuchten dann ja auch gar keine Tätigkeit aufnehmen.

    Stattdessen versuchen die jeweiligen Leistungsträger den Betroffenen eine möglichst selbstbestimmte Perspektive zu ermöglichen. Der Anreiz, auch dauerhaft Leistungseinbußen querzusubventionieren wird über die Ausgleichsabgabe, bzw. die damit verbundene Entlastungsmöglichkeit geschaffen, ohne mit Direktzahlungen den Wert der Arbeitsleistung zu schmälern.

    Aus meiner Sicht sollte die dauerhafte direkte Alimentierung nur in den Fällen eingesetzt werden, in denen – auch mit umfangreicher Unterstützung – keinerlei selbsttragende Tätigkeit möglich ist. Trotz meiner jahrelangen Erfahrung in dem Bereich kenne ich dafür aber nur sehr wenige Beispiele. Und genau für diese Fälle gibt es Werkstätten für behinderte Menschen. Die Alternative für diese Personen ist daher nicht der erste Arbeitsmarkt sondern die bloße Verwahrung inklusive Grundsicherung.

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