WR1125 Irgendwie jüdisch

 

“Es ist ja grundsätzlich im Judentum immer so: Ihr wolltet uns töten, wir haben gewonnen, jetzt lasst uns essen!”, sagt Juna Grossmann. Ich habe sie schon im Jahr 5779 besucht, um etwas mehr über das Judentum zu erfahren. Außedem lerne ich so einiges über Antisemitismus.

Darin: Purim – PessachToraRaschiMaimonides – Rosch ha-SchanaJom KippurRabbi SacksLaubhüttenfestTefillinGebetsschalKoscherJung und JüdischKontingentflüchtlinge

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21 Gedanken zu „WR1125 Irgendwie jüdisch

  1. Marco

    Ich habe schon lange darauf gehofft dass mal eine Folge mit einem Rabbi oder jemandem kommt, der ein wenig zum Judentum erzählen kann.
    Leider bekomme ich selbst wenig bis gar nichts von jüdischem Leben mit und somit ist mein Wissen diesbezüglich auch de facto nicht vorhanden.
    Sehr erhellende und spannende Folge. Danke dafür!

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  2. njorg

    Danke für die tolle Episode. So gelassen hört man selten über das Thema reden. Vor allem fand ich hilfreich, von den eher “leichten” Fällen von Antisemitismus zu hören (Beispiel: was macht denn eigentlich *dein* Präsident Netanjahu da?!). Das erinnert einen daran, sich selbst zu überprüfen in dem, was man so reflexhaft denkt.

    Als evangelischer Theologe hab ich noch ein paar inhaltliche Ergänzungen/Anmerkungen:

    Entstehung des Judentums:
    Das Judentum dürfte so irgendwann zwischen 1000 und 700 v. Chr. entstanden sein. In dieser Zeit sind viele der wichtigsten Tora-Stoffe entstanden, die Ende des 8. Jh. v. Chr. zu einem ersten zusammenhängendem Geschichtswerk zusammengefasst wurden (Schöpfung – Erzeltern – Auszug aus Ägypten).
    Bis hierhin ist davon auszugehen, dass der jüdische Gott eher als einer unter vielen gehandhabt wurde. Also eben Israel mit diesem Gott, wie andere Völker andere Götter haben. Das hat sich wahrscheinlich mit der Eroberung des sog. “Nordreichs” (das ursprüngliche “Israel” – ohne Jerusalem) durch die Assyrer geändert (722 v. Chr.). Von dort sind viele in den Süden nach Juda (Zentrum Jerusalem) geflohen. In diesem Rahmen entstand eine Unheilsprophetie, die den Untergang des Nordreichs als Strafe Gottes interpretierte (üblich wäre gewesen: die Assyrer haben halt den stärkeren Gott) und auch den Untergang Judas prophezeite, sofern man sich nicht gottgefällig verhalte. In der folgenden Zeit gibt es eine stärkere kultische Konzentration auf den jüdischen Gott.
    Als dann 586 v. Chr. die Babylonier Jerusalem samt Tempel plattgemacht haben und die jüdische Elite nach Babylon deportiert wurde, entstand im Exil eine Theologie, die in diesem Ereignis die prophetischen Texte bestätigt sieht. Anstatt dass jetzt die Juden einfach in der babylonischen Kultur aufgehen, wurde also Untergang und Exil Judas als Strafe Gottes angesehen und dementsprechend eine “Rückbesinnung” auf die eigene (im wesentlichen konstruierte) Geschichte vorgenommen. In dieser Zeit entsteht das Judentum mit seinem exklusiven Monotheismus (denn Gott muss ja so mächtig sein, auch andere Völker lenken zu können) und im Wesentlichen die Tora und weitere Geschichtsbücher als einigermaßen zusammenhängendes Erzählwerk, wie wir es heute kennen.
    Um 538 v. Chr. endet das Exil (die Perser erobern Babylon und dulden bei ihren Vasallenstaaten mehr Eigenständigkeit) und von nun an existiert Juda/Israel einigermaßen ungestört. Es wird der Tempel wieder aufgebaut, die Tora wird im 4. Jh. v. Chr. finalisiert und unter wechselnden Großmächten (Perser – Alexander der Große – Diadochen – Römer) ist Juda eine einigermaßen eigenständige Provinz. Das sind bis zu den römisch-jüdischen Kriegen im 1. Jh. also ca. 500 Jahre, in denen das Judentum ziemlich unangefochten auf dem Gebiet des heutigen Israels floriert.

    Texte im Gottesdienst:
    Holgi lässt es so klingen als würde im christlichen Gottesdienst einfach irgendein tagesaktuelles Thema aufgegriffen und dann eine passende Bibelstelle für die Predigt dazu ausgesucht.
    Zumindest bei den evangelischen Kirchen ist das nicht der Fall. Es gibt die sog. Perikopenordnung, die alle paar Jahre erneuert wird und vorgibt, zu welchen Texten am jeweiligen Sonntag gepredigt werden soll. Diese Texte werden dann im Gottesdienst auch vorgelesen – das ist also im Grunde recht ähnlich zum jüdischen Gottesdienst.
    Was aber stimmt: die meisten halten sich zwar an diese Perikopenordnung, aber sie ist für die Pastoren nicht verpflichtend. Man kann also auch eigene Schwerpunkte setzen und zu einem freien Thema predigen.

    Was mich echt überrascht hat, war das Gespräch mit einer Pfarrerin, von dem Frau Grossmann berichtet hat. Dass man unbedingt jemanden bräuchte, der einem die Bibel richtig vorinterpretiert, ist theologisch gesehen so ziemlich das unevangelischste, was man sich vorstellen kann. Luther sprach ja nicht umsonst vom “Priestertum aller Gläubigen”.
    Dann wiederum sehen wir in evangelikalen Kreisen ganz gut, was passiert, wenn jeder Dahergelaufene meint, die Bibel so auslegen zu können, wie es ihm passt. Aber der große Unterschied ist natürlich, ob man das für sich persönlich macht, oder ob man sich dazu aufschwingt, mit der selbst zugesprochenen “Expertise” eine Gemeinde zu gründen.

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    1. Lars

      Also wenn ich mich da an meinen Konfirmandenunterricht zurückerinnere, so grob 1994, war da aber nix mit irgendeiner Ordnung sondern es war genau so ein “gucken wir Mal was gerade gut passt und macht ihr Mal”. Denn im Unterricht bereitet man ja auch so den einen oder anderen Gottesdienst mit vor.
      Und auch wenn man Mal kurz den Wiki Artikel dazu überfliege (ja man soll ja nicht alles im Wiki glauben), dann ist es keine feste Vorgabe sondern oft nur eine Empfehlung.

    2. njorg

      Wie schon gesagt ist diese Ordnung nicht bindend, aber meiner Erfahrung nach, richten sich die meisten Pfarrer:innen danach. Dass es auch einige gibt, die das anders handhaben, ist da keine Überraschung.
      Aber gerade Jugend- oder Konfirmandengottesdienste sind oft eine Ausnahme, weil die Jugendlichen da die Möglichkeit haben sollen, ihr eigenes Thema zu finden und zu präsentieren.

      Und auch wenn die Perikopenordnung streng genommen nur eine Empfehlung ist, habe ich leider die Erfahrung gemacht, dass es in den Kirchenstrukturen so einige Leute gibt, die sehr auf diese “Empfehlung” pochen. Ich hatte da mal eine ausgiebige Diskussion mit einem befreundeten Probst, der im Sinne von kirchlicher Einheit und Verlässlichkeit, nicht so ein Freund von Alleingängen war. Aber zum Glück gibt es ja das gute alte Dogma der “Einheit in Vielfalt”, mit dem man da gut kontern kann 🙂

  3. Christian

    Wow, ich habe mich schon gewundert warum der Anschlag von Halle nicht angesprochen worden ist als um die Sicherheit gesprochen wurde. Bis dann später erwähnt wurde, dass die Sendung vom Frühjahr 2019 ist.

    Hier wäre ein Update schön, ob man sich immer noch sicher fühlt bzw. wie sich gefühlt das ausgewirkt hat.

    Danke und liebe Grüße,
    Christian

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    1. Frank

      “Bis dann später erwähnt wurde, dass die Sendung vom Frühjahr 2019”

      Krass, hatte ich gar nicht drauf geachtet. Bin gespannt was der Holgi noch so alles an Perlen auf Halde hat und nur zu faul zum Schneiden und Releasen ist! 😛

  4. Christian

    Danke für die interessante Episode die das Thema auf ganz entspannte und unaufgeregte Art und Weise präsentiert.
    Umso schockierender war die Stelle (ungefähr 1:28:30) wo Juna von der Rolle ihrer Tante in ihrer Erziehung erzählt. Ich war gerade am Kuchen backen und musste alles stehen lassen weil mir aus heiterem Himmel Tränen in die Augen geschossen sind. Diese Diskrepanz zwischen der Ruhe mit der sie das erzählt und dem Schrecken von dem sie erzählt hat mich völlig auf dem falschen Fuß erwischt.
    Polizei vor Synagogen als Normalität war, so traurig es ist, irgendwie einordnenbar, aber als Kind schon auf die Flucht vorbereitet zu werden hat bei mir doch nen ansehnlichen Riss in mein Weltbild gehauen.
    Nochmal “Danke!” dafür. Diese Episode werde ich so schnell nicht vergessen.

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  5. Stefan

    Super Folge, danke dafür! Tolle Einblicke in diese Religion! Vielleicht gibts ja aus den anderen großen Religionen auch so gute Gesprächspartner für weitere Folgen.

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  6. Michael

    Vielen Dank für diese hochinteressante Folge.
    Mir wurde schmerzhaft bewusst, wie wenig ich eigentlich über das Judentum weiß. Die emanzipierte Haltung gegenüber dem “Schöpfer” gefällt mir sehr gut, ebenso der fehlende implizite Schuldkomplex.
    Offenbar verstehen die Angehörigen jüdischen Glaubens ihre Religion als den sozialen Kit, der sie ist und machen da nicht so ein Bohei mit dem Aberglauben. Sehr Sympathisch.
    Ein Rabbi wäre tatsächlich ein toller Gesprächspartner, vielleicht geht da ja mal was?
    Dankeschön, weitermachen …

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  7. Jaschik Kamen

    Super Folge, für mich ein ganz anderer Einblick in eine Lebensweise, die mich nie berührt hat, obwohl es neben mir stattfindet. Das einzige, was mich wirklich aufregt und was für mich noch mal zu behandeln wäre, ist diese heute unnötige Tradition der Beschneidung. Damit habe ich wirklich ein Problem, denn ich bin der Meinung, dass ALLE die Hände vom Intimbereich von Kindern zu lassen haben, wenn es nicht medizinisch gegeben ist. Vor allem und als erstes alte Männer mit lustigen Hüten und imaginären Freunden. Wie ist da die Sichtweise der liberalen Juden? Wird das immer noch ohne Unterschied überall durchgeführt? Auch von anderen Religionen und Weltanschauungen wüsste ich das gerne.

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  8. Inken

    Hallo Holger,

    Juna und Dir vielen , vielen Dank für diesen Podcast. Vielleicht schiebe ich später noch einen Kommentar nach, wenn ich in Worte fassen kann, was Euer Gespräch bei mir (und allen, denen ich davon erzählt habe) ausgelöst hat.
    Für den Moment dieses Dankeschön und mein Wunsch, dass Juna und alle anderen Juden in diesem Land irgendwann in die Synagoge gehen oder öffentlich über ihren Glauben sprechen können, ohne dass Security und Polizei Wache halten müssen.
    “Die Koffer sind noch nicht gepackt, aber man weiß, wo sie stehen.”… an der Stelle hat es mich dann gerissen und mir die Tränen in die Augen getrieben. Das sollte nicht so sein, das darf nicht so sein.

    Über ein Update würde ich mich tatsächlich auch extrem freuen, obwohl ich vermute, dass ich dann noch viel mehr heulen muss… denn vermutlich stehen in Anbetracht der Entwicklungen hier in so manchem Haushalt tatsächlich die gepackten Koffer.

    Lieber Gruß aus dem Norden

    Inken

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  9. Sebastian

    Eine super Folge! Vielleicht gibt es ja in naher Zukunft einen zweiten Teil.

    Ich frage mich, ob der ‘leichte’ Antisemitismus, wie z.B. ‘dein Präsident Netanjahu’ nicht auch durch Dummheit zu erklären ist. Aber womöglich liegen Antisemitismus und Dummheit sehr nahe beieinander.
    Die Aussage ‘Dich haben sie wohl vergessen’ fand ich extrem verstörend! So etwas ist auch nicht mit fortgeschrittenem Alter zu entschuldigen! Es zeigt meiner Meinung nach aber schön, dass es Arschlöcher in allen Altersklassen gibt.

    Wenn man nach dieser sehr informativen Episode wissen will wie es ‘wirklich’ ist, kann ich den Film ‘The Hebrew Hammer’ empfehlen.

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  10. Christine

    Im Moment bin ich noch mittendrin beim Hören der Podcastfolge, möchte aber schon zwei Literaturhinweise geben. Zugegebenermaßen ist es einige Zeit her, dass ich die Bücher gelesen habe und ich habe sie auch nicht zur Hand, will sie aber trotzdem empfehlen.
    Zum einen das Buch “Was ist koscher?” von Paul Spiegel. (Paul Spiegel war Vorsitzender des Zentralrates der Juden und stammt aus Warendorf, wo ich aufgewachsen bin).
    Zum anderen das Buch”Die Bibel & ich: Von einem, der auszog, das Buch der Bücher wörtlich zu nehmen” von A. J. Jacobs. Die von Frau Grossmann beschriebene Interpretation der Thora hat mich sehr an die Versuche in diesem Buch erinnert.

    (Da ich oft über Kopfhörer dem Podcast folge, ist mir das unangenehme Knistern beim Sprechen sehr aufgefallen…)

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  11. stef baura s

    vielen Dank für diese tolle Podcastfolge.

    Ich habe mich sehr sehr sehr geschämt, als sie die Geschichte von dem alten Mann erzählt hat mit dem “Man hat sie wohl vergessen”. Wie kann man sowas böses sagen, einfach widerwärtig.

    Traurig wurde ich bei ihrer Einschätzung, dass es “aktuell wieder besser wird”, März 2019 und HEUTE, weia, das muss ein Unterschied wie Tag und Nacht für Frau Grossmann sein.

    Es wäre fantastisch (und vermutlich noch traurigmachender), einen update zu diesem Interview zu hören.

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  12. Frank

    Wow! Krasse, augenöffnende Folge. Mir war bislang nicht klar, dass es 1) atheistische Juden gibt und 2) man nicht so einfach zum Judentum konvertieren kann. Das muß ich erstmal einsortieren, weil bis zu dem Podcast war das “Jude sein” bei mir als Religion verbucht. Wie Katholisch, Evangelisch, etc. Auch der Fakt, dass man als Jude geboren wird und das Jude-Sein nicht ablegen kann war mir neu und finde ich krass. Ich bin z.B. aus der kath. Kirche ausgetreten und fertig. Das geht als Jude nicht? Einmal Jude, immer Jude!? Krass. Auch der Hintergrund zur Berufswahl der Jude anzustreben keinen materiellen Besitz zu haben um im Fall des Falles schnell flüchten zu können: Krass! Ich hab an dem Insight aus der Folge echt zu kauen, weil das nicht in mein bisheriges Judenbild passt. Ich hatte das immer als Glaubensrichtung verortet. Aber wenn man Jude per Geburt ist und “aus der Nummer” auch nimmer rauskommt entspricht das eher einer Ethnie!?

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  13. Frank

    Habe diese Folge nun zum zweiten Mal gehört – ganz große Klasse! Vielen Dank! Aber absolut beschämend, dass Synagogen permanent durch Polizei geschützt werden muss. Einfach unglaublich und traurig

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