WR723 Pogrom in Lichtenhagen

 

Zwischen dem 22. und 26. August 1992 fanden in Rostock die heftigsten rassistischen Angriffe seit zweiten Weltkrieg statt. Angegriffen wurden die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter. Matthias von Hellfeld erzählt.

Die passende Ausgabe “Eine Stunde History” läuft am 20. August 2017 auf DLF nova.

18 Gedanken zu „WR723 Pogrom in Lichtenhagen

  1. njorg

    Danke, dass ihr dieses wichtige Ereignis beleuchtet – für mich als Rostocker ist das Thema immer besonders ungeheuerlich, weil es angesichts des heutigen Rostocker Alltags so schwer vorstellbar ist (bzw. zu sein scheint).

    Einen Satz von Matthias finde ich etwas unglücklich. Er rekrutiert gedanklich die am Pogrom Beteiligen aus den Menschen, die für die Wiedervereinigung und für das Ende des DDR-Regimes auf die Straße gegangen sind. Das mag in Einzelfällen zutreffen, ist wohl aber nur sehr schwer zu belegen – also eine reine Spekulation. Die Leute, die sich tatsächlich in der Wendezeit politisch engagiert haben und entsprechend auch Demos besucht haben, hatten doch meistens ein ziemlich klares Wertesystem, das auch unabhängig vom System DDR funktionierte. Das waren also gerade nicht die, die in ein Orientierungsloch gefallen sind. Und es gab ja durchaus auch treue DDR-Bürger (es ist ja nicht so, dass alle auf der Straße waren), die vielmehr Grund hatten, nach dem Systemwechsel frustriert zu sein.

    Ergänzend finde ich noch spannend, dass Evershagen nicht nur für die Neonazi-Szene bedeutsam war, sondern logischerweise auch für die Antifa-Szene. Solche gewaltbereiten Mobs, denen Migranten schutzlos ausgeliefert sind, gibt es heute auch deshalb nicht mehr, weil die Antifa es sich zur Aufgabe gemacht hat, bei bedrohlichen Situationen konkret vor Ort zu sein, um Nazis von Gewalttaten abzuhalten. Das hat man gerade in den letzten drei Jahren sehr gut gesehen, als es immer wieder Antifa-Gruppen gab, die sich schützend vor neu eröffnete Flüchtlingsunterkünfte gestellt haben. Hätte es eine solche entschlossene Gruppe damals in Evershagen gegeben, die ganz physisch ein Hindernis darstellt und auch die allgemeine Zustimmung durchbricht, wer weiß, ob es dann so weit gekommen wäre.

    Antworten
  2. Stefan Wagner

    Super Idee: Afrika entwaffnen! Mit denen kann man es ja machen, oder was? Auf Dich haben die gewartet? Wieso nicht Europa entwaffnen?

    Wenn man nur eine sehr, sehr schlichte Vorstellung über etwas hat, sagen wir einen Kontinent der mehrfach so groß ist wie Europa und mehr Einwohner hat, dann kommt man klüger rüber, wenn man schweigt.

    Bist Du nicht auch ein Freund der Mustererkennung?

    Das fragliche Muster lautet hier: Wir können Probleme um so besser lösen, je weniger wir davon verstehen und je weiter sie von uns weg sind. Am beliebtesten: Gesellschaftssysteme in der Karibik, aber Afrika geht natürlich auch.

    Antworten
  3. lilolin

    Ostdeutschland war viele Jahre von der Aussenwelt isoliert. Nach der Wende waren die Menschen orientierungslos und verunsichert, was mit großer Angst einherging. Dieses ungreifbare Angstgefühl wurde dann auf die Ausländer projeziert. Da der Mensch an sich fremdenfeindlich ist und es eine Kulturleistung (welche wir im Westen in den 68ern und mit den Gastarbeitern erarbeitet haben) ist, diese nicht auszuleben, liegt dieses Verhalten sehr nahe.
    Ich persönlich weiss von Menschen, die tief im Osten wohnen und noch heute Angst vor Migranten haben, wenn sie in eine westdeutsche Großstadt kommen. Man könnte es auch Kulturschock nennen.

    Antworten
    1. Norbert

      Einfache Erklärungen sind doch was Feines. Und es hat etwas Erhebendes, eine Gruppe identifizieren zu können, von der man sich abgrenzen, und so seiner moralischen Überlegenheit versichern kann. Der Pole klaut, der Araber vergewaltigt, und der Ossi ist Rassist. Mann, Mann, Mann.

      Ich kann mich noch an einige westdeutsche Wahlergebnisse von 1989 erinnern. Über 7% für die Nazis bei der Europawahl, und dann nochmal in Berlin? Hallo? Oder was war mit dem Brandanschlag in Mölln 1992? Und bis zu Filbinger und Oettinger hatten sich 68er wohl auch nicht rumgesprochen.

      Passend dazu bin ich beim Stern auf einen schönen Rant gestoßen: Schnauze, Wessi! Der moralische Aufbau West

    2. njorg

      Naja, es ist schon kaum zu leugnen, dass wir im Osten mehr offene rechte Strukturen haben. Das heißt natürlich nicht , dass wir nicht in ganz Deutschland damit Probleme haben. Ich vermute auch, dass es damals in Rostock nicht deshalb so stark zu Tage trat, weil die Ossis die krasseren Nazis waren. Vielmehr muss man sehen, dass es in der DDR kaum Auseinandersetzung mit Rechtsradikalismus gab – das liegt sicherlich weniger an der Bevölkerung der DDR, sondern daran, dass das System keinen offenen politischen Diskurs zuließ. In der BRD wurde der Protest der 68er von den Autoritäten zwar auch nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst, aber er war immerhin möglich.

      Man muss anerkennen, dass im Osten damals der Rassismus mehr Raum hatte, in Gewalt umzuschlagen. Das nicht zu tun, heißt, sich in die Tasche zu lügen. Teils lag es an der geringen bis nicht vorhandenen Aufarbeitung, aber zum großen Teil auch daran, dass man nicht wusste, wie man mit sowas umgeht. Gewaltbereite Radikale gab es auch im Westen – nur hatte die Polizei dort damit schon viel mehr Erfahrung.

      Wie immer hilft es, die Differenzierungen, die man eigentlich mitdenkt, auch auszuspreche: nein, nach der Wende waren nicht „die Menschen“ orientierungslos – sondern einige. Nein, der Mensch ist nicht „an sich fremdenfeindlich“, sondern unter gewissen Umständen neigt er dazu (der eine mehr, der andere weniger, der dritte gar nicht…).
      Und nebenbei will ich eine Lanze für Bewegungen in der DDR brechen, die sehr wohl kulturellen Austausch und Gewaltlosigkeit zum Thema hatten. Solidarität mit anderen Ländern war immerhin staatliche Ideologie und wurde sicherlich von manchen auch ernsthaft gelebt. Und die bürgerlichen Protestbewegungen hatten sich schon sehr früh Gewaltlosigkeit, Demokratie und Weltoffenheit auf die Fahnen geschrieben – damit ging Ausländerfeindlichkeit nicht zusammen. Diese Bewegung hat es ja sogar geschafft, friedlich einen Systemwechsel herbeizuführen! Das Problem war wie gesagt, dass eine eine öffentliche Auseinandersetzung nicht zugelassen wurde.

    3. Norbert

      Ich will Lichtenhagen oder aktuelle Entwicklungen im Osten sicher nicht kleinreden. Aber an manchen Tagen regen mich Aussagen wie diese einfach auf:

      Da der Mensch an sich fremdenfeindlich ist und es eine Kulturleistung (welche wir im Westen in den 68ern und mit den Gastarbeitern erarbeitet haben) ist, diese nicht auszuleben…

      Ich bin vor Jahren dem Ruf des Geldes gefolgt, und arbeite für ein multinationales Unternehmen im Westen. In der Firma ist es üblich, mindestens einmal in seiner Karriere für mehrere Monate am Stück ins Ausland zu gehen, um Kontakte aufzubauen, Arbeitsweisen kennenzulernen, den Horizont zu erweitern oder ganz profan bei dringenden Projekten auszuhelfen. Und wer längere Zeit im Ausland ist, der muß sich halt auch mal mit Behörden, Banken, Ärzten etc rumschlagen. Meistens klappt das auch, aber gelegentlich reicht einem der Kollege dann doch sein Handy rüber, weil er nicht weiterkommt. Und dann hat man halt Beamte am Apparat, die nur Deutsch reden wollen, weil man ja in Deutschland sei (klassisches Westerwelle-Zitat). Oder Ärzte, die Behandlungen verweigern, weil in ihrer Praxis niemand die Sprache des Patienten spräche (Englisch). Das ist sicher immer gut begründet, und nie böse gemeint, und man muß Verständnis dafür haben und so weiter. Aber Kulturleistung? Nicht fremdenfeindlich? 68er? My Ass!

    4. lilolin

      Ja, es ist eine Kulturleistung, sich mit seinen Vorurteilen auseinanderzusetzen und daran zu arbeiten. Und diese Arbeit hört noch lange nicht auf. Im Westen hat diese öffentliche Auseinandersetzung jedoch früher angefangen, schon allein durch die vielen Gastarbeiter.

      Ich glaube kaum, dass jemand im „Westen“ 2017 einen Kulturschock bekommt, wenn er eine deutsche Großstadt besucht. Man muss sich auch nicht gleich angegriffen fühlen, wir haben nun mal verschiedene Sozialisationen, das ist keine Schande.

    5. Norbert

      Ich bezweifle nicht, daß es eine Kulturleistung ist. Ich störe mich an dem, was Deine Aussage implizierst.
      Im Übrigen halte ich jetzt mal eine Abkürzung in’s Bild, an der man in den letzten 10 Jahren der DDR nicht vorbei kam: MI4,3

    6. njorg

      Der Link will nicht.
      Hier ein anderer: Mi 4,3

      Für den bekannten Aufkleber „Schwerter zu Pflugscharen“ sind sogar Menschen in den Knast gegangen. Und daran sieht man auch ganz gut, dass es unsinnig ist, nur eine Art von Gesinnung in der DDR hervorzuheben. Es gab zum Ende hin eine sehr große Protestbewegung, die auf Idealen der Friedlichkeit, des kulturellen Austausches, der Demokratie und der Nächstenliebe fußte. Aber es gab auch bis zum Ende hin Leute, die – ohne das groß zu hinterfragen – friedlich protestierende Menschen, festgenommen haben (oder schlimmeres). Denen war sowas vollkommen egal, die wollten einfach nur keinen Stress. Und wer eine so niedrigschwellige moralische Ausrichtung hat, kann auch mal eben zu falschen Schlüssen kommen, wenn er seine Existenz gefährdet sieht.
      Natürlich ist es oberflächlich, zu sagen, „die Ossis“ seien damals eben einfach anfälliger für rassistische Fehldeutungen gewesen. Aber es stimmt schon, dass es so etwas wie „Der Bürger in Uniform“, was auch immer eine selbst- bzw. institutionenkritische Konnotation hat(te), in der DDR einfach nicht gab. Man konnte also ganz staatskonform eine Haltung an den Tag legen, in der die Achtung von Grundrechten keine Rolle spielte.

    7. Norbert

      Wobei man dazu sagen muß, daß „Schwerter zu Pflugscharen“ nur ein Teilaspekt dieser Bibelstelle ist, der – für sich allein genommen – konterrevolutionär interpretierbar war (Forderung nach einseitiger Abrüstung, um dem „Feind“ den Sturz des Systems zu ermöglichen). Der letzte Satz „Sie werden das Schwert nicht erheben, keine Nation gegen eine andere, und das Kriegshandwerk werden sie nicht mehr lernen. “ war hingegen voll auf Linie der DDR-Propaganda, und der gesamte Text daher schwer staatsfeindlich interpretierbar.

      (Das gesagt würde ich den größten Teil Deiner Beiträge hier vorbehaltlos unterschreiben)

    8. njorg

      Ich glaube kaum, dass der Spruch von System-Funktionären derart genau durchdacht wurde. Wichtig war ja der Kontext, in dem er gebraucht wurde: Vorrangig in kirchennahen Kreisen – und damit schonmal per se verdächtig – und noch dazu immer in Verbindung mit Kritik am gewaltausübenden Regime, dass auch zur Gewaltausübung an der Waffe (Wehrdienst) ausbildete. Da die logische Konsequenz die Kriegsdienstverweigerung war, konnte „Schwerter zu Pflugscharen“ ganz unabhängig von der eigentlich inhaltlichen Botschaft der Bibelstelle für das DDR-System nur als feindlich betrachtet werden. Junge Leute aus einer parallelen Machtstruktur (Kirche), die dem Staat Missachtung von Grundrechten vorwarfen und noch dazu ihre Vaterlandspflicht nicht erfüllen wollten…

    9. Norbert

      Ich wollte eigentlich nur darauf hinaus, daß man – wenn man nicht gerade unter einem Stein gelebt hat – es in der DDR neben der offiziellen Ideologie auch mit anderen Wertvorstellungen zu tun hatte, die mit den Ereignissen von Lichtenhagen absolut nicht kompatibel waren.

      Und nachdem ich den „Schwerter zu Pflugscharen“-Artikel in Wikipedia überflogen habe würde ich schon sagen, daß System-Funktionäre nach einer Argumentationslinie gesucht haben. Denn was ist Systemfeindlich an dem Abbild einer Statue, die die UdSSR als Zeichen ihrer Friedfertigkeit der UNO geschenkt hatte? Die selbst in DDR-Schulbüchern abgebildet war? Und wie es aussieht haben sie ziemlich genau ein Jahr gebraucht, um sich auf die von Dir beschriebene Linie festzulegen, und das Tragen des Abzeichens „wegen Missbrauchs“ zu verbieten.

  4. Christian von Praun

    Da oben, in Mecklenburg-Vorpommern, ist man doch schon ein Fremder wenn man nur aus dem Nachbardorf kommt 😉 das hat nichts mit DDR-Vergangenheit zu tun.
    Ausgerechnet da ein Flüchlingsheim hinzustellen und es dann unzureichend zu versorgen, die Lage eskalieren zu lassen etc. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Situation absichtlich geschürt wurde.
    Für mich, der die Bilder damals im TV verfolgt hat, war Rostock immer mit diesen Ausschreitungen verbunden – ich habe es mir immer hässlich vorgestellt – bis ich dann mal da war … wunderschöne Stadt/Gegend.

    Antworten
    1. njorg

      Hey, als stolzer Mecklenburger will ich nicht mit den Pommern in einen Topf geworfen werden!
      😛

      Naja, und Rostock ist eigentlich auch noch ein Sonderfall in MV.

    2. Stefan Wagner

      Da oben, in Mecklenburg-Vorpommern, ist man doch schon ein Fremder wenn man nur aus dem Nachbardorf kommt ? das hat nichts mit DDR-Vergangenheit zu tun.
      Ausgerechnet da ein Flüchlingsheim hinzustellen und es dann unzureichend zu versorgen, die Lage eskalieren zu lassen etc. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Situation absichtlich geschürt wurde.

      Rostock ist aber kein Dorf sondern eine Großstadt mit 200.000 Einwohnern.

      Meines Wissens wurden da Vietnamesen belagert, die lange in der DDR als Arbeiter gelebt haben, keine Flüchtlinge.

    3. Norbert

      Beides. Direkt neben dem Wohnheim stand die „Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber“. Beides wurde angegriffen, wobei das Wohnheim dann in Flammen aufging.

  5. Mattiscb

    Dass die Ostdeutschen einfach nicht mit der neuen Freiheit umgehen konnten, ist mir als Erklärung zu plump. Und zu offensichtlich falsch. Dann dürfte es ein Viertel Jahrhundert danach solche Probleme bundesweit nicht mehr geben. Gibt es aber noch. Mehr sogar. Es ist die soziale Unsicherheit, die damals dort besonders groß war und und auch heute immer größer wird, die die Leute zu den Extremen treibt.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.